Inklusion geht anders – ein Rant

Tafel mit der Aufschrift "Teamwork" und in verschiedenen Farben aufgemalten Personen

Ab und zu erreichen mich Nachrichten, die so oder so ähnlich klingen: „Wir haben gerade ein Projekt für ein Museum in [beliebige Stadt einsetzen, zum Beispiel München oder Stuttgart]. Um die Barrierefreiheit zu testen, bräuchten wir Menschen mit verschiedenen Behinderungen. Hast du Kontakte zu blinden Personen oder Menschen mit Lernschwierigkeiten?“

Oder aber ich lese von Projekten auf Social Media: „Dieses Jahr starten wir mit […] in Bundesland [beliebiges Bundesland einsetzen, zum Beispiel Hessen, Bayern oder NRW]. Menschen mit Behinderung testen KI-Anwendungen. Sie geben uns ein direktes Feedback: Was ist hilfreich? Wo sind noch Barrieren? Wo können wir uns verbessern? Welche Funktionen fehlen?“

„Inklusion“ hört sich erst einmal nice an

Klingt alles zunächst einmal nice: Inklusion, Teilhabe, Barrierefreiheit … Wer wünscht sich das nicht? Dass Barrierefreiheit für alle gut ist, ist inzwischen sogar bei einigen Hinterbänklern angekommen. (Ja, hier gendere ich bewusst nicht.)

Nach genauem Hinsehen wird’s weniger schön

Wenn man nachfragt, hört sich das Ganze aber oft weniger schön an:

„Wir tragen nur die Kosten für die Anfahrt. Das Feedback wird ehrenamtlich geleistet.“

„Es gibt eine Aufwandsentschädigung von 50 € pro Tag.“

„Wir versuchen, noch Mittel locker zu machen, um den Beteiligten eine Anerkennung zukommen zu lassen.“

„Wir verteilen am Ende des Tags dm-Gutscheine in Höhe von 20 €.“

„Für das Projekt arbeiten wir mit Werkstätten für Menschen mit Behinderung zusammen.“

„Für die Mitarbeit bieten wir ein Mittagessen und am Nachmittag Butterbrezen. Die Kosten für die Anfahrt müssen Teilnehmende selbst tragen.“

Inklusion sieht anders aus

Hmmm … Grrmpff … 😡 Meint ihr wirklich, dass das, was ihr da macht, Inklusion ist?

Schauen wir mal in den Diversity-Duden. Also eigentlich heißt er: „Vielfalt – das andere Wörterbuch“. Sandra Olbrich hatte dort die Ehre, einen Beitrag zu Inklusion schreiben zu dürfen. Darin heißt es:

„Inklusion ist die bedingungslose Zugehörigkeit innerhalb einer Gesellschaft. Diese schafft Strukturen, um die gleichberechtigte Teilhabe aller zu ermöglichen. (…) Nicht der Mensch hat sich anzupassen (…) – sondern die Mehrheitsgesellschaft hat die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass alle dabei sein und mitmachen können.“

Was ist Inklusion und was nicht?

Was darin nicht steht: Menschen mit Behinderung sorgen mit eigener Zeit und Energie dafür, unsere Welt inklusiver zu machen – für einen Händedruck, ein Glas Saft oder einen Amazongutschein.

Weiter im Text, äh … Duden:

„Inklusion ist eine gute Idee für eine gerechtere Welt. Sie erfordert Wandel in allen Systemen. Und sie rüttelt an Machtstrukturen.“

Wer Menschen mit Behinderung für sich arbeiten lässt und sie mit einer belegten Semmel, etwas Kuchen und Kakao und vielleicht noch einem Einkaufsgutschein abspeist, rüttelt nicht an Machtstrukturen. Er festigt sie und verschärft das Problem – und zwar auch dann, wenn die Intuition dahinter erst einmal vorbildlich ist: für mehr Barrierefreiheit sorgen.

Manche verdienen an dieser Barrierefreiheit auch gut – bezahlen die mitarbeitenden Behinderten aber gar nicht oder kaum.

Schwerbehinderung und Arbeitslosigkeit

Mehr als acht Millionen Menschen leben in Deutschland mit einer schweren Behinderung. Hinzu kommen weitere Personen, die einen leichten Grad der Behinderung haben oder die über keinen offiziellen Grad der Behinderung (GdB) verfügen.

Während der Anteil der Erwerbstätigen bei der Gesamtbevölkerung im Jahr 2024 bei 80 Prozent lag, erreichte er bei Schwerbehinderten nur etwas über 51 Prozent. Schwerbehindert sind Menschen, bei denen ein GdB von mindestens 50 Prozent vorliegt. Schwerbehinderte Frauen haben es etwas leichter als Männer, eine Beschäftigung zu finden. So waren im Jahr 2023 in Deutschland insgesamt 97 000 schwerbehinderte Frauen und 40  000 Männer erwerbstätig.

Ausgleichsabgabe statt Inklusion

Arbeitgeber mit 20 oder mehr Arbeitsplätzen sind in Deutschland dazu verpflichtet, schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen und bei der zuständigen Agentur für Arbeit eine Anzeige abzugeben. Im Jahr 2023 waren in Deutschland 180 000 Arbeitgeber verpflichtet, Menschen mit einer Schwerbehinderung (oder einer Gleichstellung) zu beschäftigen. Nur 70 000 Arbeitgeber stellten 2023 genügend Pflichtarbeitsplätze zur Verfügung. In der Regel handelte es sich hierbei um Arbeitgeber mit 20 bis 39 Beschäftigten. Die anderen drückten sich.

Die Mehrheit der Arbeitgeber zahlte und zahlt lieber eine Ausgleichsabgabe, als schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen. Menschen mit Schwerbehinderung stehen auf der Straße – oder arbeiten zu schlechten Bedingungen in Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM). Dort erhalten sie ein Arbeitsentgeld, das monatlich bei etwa 200 bis 300 € liegt. Einen Mindestlohn gibt es bisher in diesen Einrichtungen nicht.

Der Gipfel: Die Ausgleichsabgabe verringert sich, wenn Unternehmen Aufträge an WfbM vergeben.

Wahre Inklusion = Menschen fair entlohnen

Nun aber zurück zum eigentlichen Thema: Ist es okay, wenn Menschen mit Behinderung freiwillig kostenlos (oder für eine geringe Entschädigung) an Projekten arbeiten, die für mehr Barrierefreiheit, Inklusion und Teilhabe sorgen?

Ich sage nein. Eine Welt, die wahre Inklusion lebt, setzt nicht darauf, dass Menschen mit Behinderung für umme an Barrierefreiheit arbeiten. Wenn wir Inklusion ernstnehmen, müssen wir Menschen mit Behinderung fair bezahlen. Wir dürfen sie nicht mit Klatschen, Kakao und Brötchen abspeisen. Oder mit dem guten Gefühl, anderen behinderten Menschen das Leben besser zu machen. Vielmehr müssen wir dafür sorgen, dass behinderte Menschen Geld verdienen können.

Butterbrezen und Kakao sind KEINE Inklusion

„Nichts für uns ohne uns“ heißt nicht: Wir machen ein tolles Projekt. Für die Durchführung holen wir Menschen mit Behinderung ins Boot, denen wir Butterbrezen ausgeben oder die Anfahrt bezahlen. Wir sorgen dafür, dass sie einen netten Nachmittag verbringen. Und wir vermitteln ihnen das Gefühl, zu etwas Wichtigem beigetragen zu haben.

Dann stehen wir auf irgendeinem Podium, lassen uns beklatschen und belobigen. Und wir freuen uns, wie gut wir doch sind. Denn: Wir haben uns für Menschen mit Behinderung engagiert – im Rahmen unseres Jobs, vielleicht manchmal auch darüber hinaus.

Du willst „gut“ sein? Dann sorg dafür, dass behinderte Menschen bezahlt werden! Schaff Arbeitsplätze, die Teilhabe garantieren. Trag dazu bei, dass Menschen Geld verdienen können.

Es ist ein Unterschied, ob du irgendein Projekt mit privilegierten Mitmenschen aufziehst, die genügend Einkommen haben und für dich gegen Kuchen arbeiten, – oder ob du dein Vorhaben mit Leuten durchziehst, die ihre Zeit und Energie opfern, aber sich noch nicht einmal eine Kinokarte leisten können.

Frau mit schulterlangen blonden Haaren und grauen Strähnen, blauen Augen, Brille und grauem Mantel

Andrea Halbritter

Andrea Halbritter ist Germanistin mit 2. Staatsexamen und vom Netzwerk Leichte Sprache e. V. zertifiziert. Sie erstellt Texte in Leichter und Einfacher Sprache für NS-Gedenkstätten, Museen, politische Parteien und Gesundheitsbehörden. In den Sprachrichtungen Französisch-Deutsch und Englisch-Deutsch übersetzt Andrea vor allem im Bereich Wein.

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