Neuroinklusives Design sowie Leichte und Einfache Sprache ergänzen sich ideal. In diesem spannenden Interview mit Enrico Kunze von cigarsauerkraut erfährst du, was neuroinklusives Design ist und weshalb wir es brauchen.
Neuroinklusives Design: Was ist das und warum brauchen wir das?
Hallo Enrico, du bietest neuroinklusives Design an. Was ist das?
Du fängst direkt mit der komplexesten Frage an.
Neuroinklusives Design ist der Versuch, sich mit den neurobiologischen Settings von Menschen auseinanderzusetzen. Also zu verstehen: Wie nehmen Menschen Informationen wahr und wie verarbeiten sie diese? Wie reagieren sie auf Reize – auf visuelle, aber eben nicht nur? Ich versuche dabei, meine Perspektive so breit wie möglich aufzustellen. Und daraus leite ich ab, wie man Informationen so in den visuellen Raum übertragen kann, dass sie für möglichst viele Menschen zugänglich und verständlich sind. Ganz praktisch heißt das zum Beispiel: Eine Seite muss nicht alles auf einmal zeigen. Weniger Reize nebeneinander und eine klare Reihenfolge, in der Informationen aufgenommen werden können.
Dabei geht es mir um mehr als die Erlebenswelt neurodivergenter Menschen. Klar, ich frage: Wie nehmen Autist*innen Informationen wahr? Wie Menschen mit ADHS? Aber genauso: Wie nimmt jemand Informationen wahr, der gerade ein Kind auf dem Arm hat und total beschäftigt ist? Wenn man sich damit auseinandersetzt, ergibt das sehr viel Wissen – und sehr viele Ableitungen dafür, wie visuelle Kommunikation möglichst leicht aufgenommen werden kann.
Was zum Beispiel erschwert die visuelle Kommunikation?
Zu wenig Kontrast zwischen Schrift und Hintergrund kennen die meisten – weniger bekannt ist, dass auch das Gegenteil irritieren kann – nämlich zu starker Kontrast: grelles Weiß auf tiefem Schwarz oder ein Knallrot, das bei längerem Anschauen extrem stimulierend wirkt. Genauso alles, was sich unaufgefordert bewegt oder meldet – vom selbst ablaufenden Video über das unangekündigte Pop-up bis zur Website, die mittendrin die Scrollrichtung wechselt: erst von oben nach unten, plötzlich von links nach rechts. All das kann eine unvorbereitete Irritation auslösen, die im schlimmsten Fall dazu führt, dass Menschen eine Information nicht mehr wahrnehmen oder die Website ganz verlassen.
Warum ist neuroinklusives Design wichtig?
Da habe ich eben schon ein bisschen vorgegriffen. Wenn man das in Zielgruppen runterbrechen will, sind das erst mal neurodivergente Menschen, also das ganze Spektrum der Neurodiversität: Autist*innen, Menschen mit ADHS, Menschen mit AuDHS, wenn man das als eigene Form betrachten möchte. Dann Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche, mit Dyskalkulie, Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Menschen, die neurobiologisch einfach anders aufgebaut sind.
Im Grunde lässt sich das Anwendungsgebiet aber gar nicht auf Zielgruppen runterbrechen, weil neuroinklusives Design allen Menschen hilft. Informationen, die reizarm und ohne kognitive Hürden aufbereitet sind, erleichtern die Aufnahme und die Weiterverarbeitung bei jedem Menschen. Bei den Zielgruppen geht es mir deshalb eher darum, möglichst viele Gegebenheiten zu verstehen.
Der größte Vorteil liegt für mich an einer anderen Stelle: Der digitale Raum ist genau wie die physische Welt ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen. Wenn wir uns mit neuroinklusivem Design auseinandersetzen, machen wir diesen Raum barrierearm – zu einem Raum, der möglichst vielen Menschen Teilhabe ermöglicht. Für Marken und Unternehmen heißt das ganz praktisch: Sie verstehen ihre Zielgruppe besser und erreichen mehr Menschen. Und für Marken, die Wert darauf legen, heißt es, möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu geben, an der eigenen Kommunikation teilzuhaben.
Wie stellst du sicher, dass dein Design wirklich barrierearm und neuroinklusiv ist?
Das ist immer so ein bisschen ein Thema. Die schwierigste Feststellung dabei ist leider: Wir werden es nie schaffen, allen Menschen Teilhabe zu ermöglichen. Wir können nur so viel wie möglich dafür tun, dass so viele Menschen wie möglich teilhaben können.
Barrierefreiheit ist dabei für mich grundsätzlich immer der höchste Anspruch. Mit der technischen Barrierefreiheit setze ich mich selbst allerdings weniger tief auseinander – das können andere richtig gut, und es gibt Leute, die diese Seite wirklich beherrschen. Ich bin derjenige, der sich dem Thema aus Richtung Design annähert. Vor allem mit der Frage, wie Menschen auf Informationen im visuellen Raum reagieren und wie sie diese verarbeiten.
Und wie stelle ich das sicher? Im Endeffekt hat das ganz viel mit Gesprächen zu tun und mit Austesten. Ich setze etwas um, zeige es Menschen und schaue, wie sie darauf reagieren. Und dann muss ich offen dafür sein, meinen eigenen Liebling loszulassen – jeder hat ja Lieblinge in seiner Arbeit. Kill your Darlings eben. Und mich konsequent daran ausrichten, wie Menschen reagieren.
Dabei muss man unterscheiden: Ist das jetzt eine persönliche Präferenz, weil jemand eine Farbe oder eine Schrift nicht mag? Oder ist es tatsächlich eine Hürde, die im Raum steht? Das abzuwägen, muss man lernen. Von daher ist es ein immerwährendes Testen und ein immerwährendes Miteinander-Reden.
Ist neuroinklusives Design teuer?
Ich würde die Frage umdrehen: Kein neuroinklusives Design zu haben kann teuer werden. Weil man dann wahrscheinlich relativ viele Menschen bei der eigenen Ansprache verliert.
Was die Umsetzung kostet, ist von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Wenn bei einem großen Energiedienstleister eine Tarifabschlussstrecke getestet werden muss, geht das natürlich mit einigen User*innentests einher, wo hin und her getestet wird. Das ist initial mehr Aufwand. Im Nachhinein kann sich das aber durchaus als die günstigere Variante herausstellen. Pauschal lässt sich die Frage also nicht beantworten. An manchen Stellen ist es im Vorfeld etwas mehr Aufwand – der sich meines Erachtens im Nachhinein immer auszahlt.
Weshalb gibt es noch kaum Designer*innen, die neuroinklusives Design auf dem Schirm haben?
Da muss ich erst mal eine Lanze brechen für viele gute Designer*innen und Gestalter*innen. Vieles, was neuroinklusives Design betrifft, gehört zu den Grundlagen guten Designs – das, was man in der Ausbildung vermittelt bekommt. Und zu den Grundlagen, die über die WCAG und über Barrierefreiheit kommuniziert werden. Ich glaube, es gibt viele gute Designer*innen, die solche Themen schon von sich aus umsetzen.
Gleichzeitig liegt genau da ein Teil der Antwort: Bei Barrierefreiheit kann man sich an den WCAG-Kriterien orientieren. Kognitive und neurologische Kriterien deckt die WCAG aber deutlich dünner ab als sensorische und motorische. Wer sich an ihr entlangarbeitet, hat Neuroinklusion damit noch längst nicht automatisch drin. Deshalb verstehe ich neuroinklusives Design als notwendige Ergänzung zur WCAG – und ganz sicher nicht als Nische.
Die Spezialisierung darauf öffnet das Thema ein Stück weiter. Weg von der reinen Gestaltung, hin zu der Frage: Wie kann ein ganzes Projekt neuroinklusiv sein? Vom Text über die Projektkommunikation bis zur Kundenkommunikation. Ich persönlich finde das ein spannendes Thema, und ich versuche darüber auch, andere Designer*innen ein bisschen dafür zu begeistern.
Eine landläufige Meinung räume ich dabei gern aus: dass neuroinklusives Design bedeuten würde, für jeden Menschen eine eigene, individuelle Lösung zu bauen. Mein Punkt ist ein anderer: Digitale Kommunikation sollte nicht zum Selbstzweck existieren – dann ist sie entweder Kunst oder Dekoration. Wenn es darum geht, mit einer Information Menschen zu erreichen, dann ist neuroinklusives Design für mich das einzige Mittel zum Zweck. Von daher stellt sich für mich die Frage gar nicht, ob ich neuroinklusiv arbeite.
Wie bist du zu neuroinklusivem Design gekommen? Was ist dein Parcours?
Für das Thema inklusives Design habe ich mich schon lange interessiert. Designer*innen sind ja die Menschen, die eine Information in den visuellen Raum übertragen. Und damit kommt ihnen eine sehr große Verantwortung zu: In dem Moment, in dem wir eine Information in den visuellen Raum übertragen, entscheiden wir, wer sie sehen kann und wer nicht – und wer sie wie aufnehmen kann. Als ich das verstanden hatte, war für mich klar, dass inklusives Design der einzige Weg ist, wie ich arbeiten möchte.
Neuroinklusives Design ist dann eng an meine persönliche Geschichte geknüpft. Ich habe selbst ADHS und bin autistisch. Das habe ich im Zuge einer persönlichen Weiterentwicklung, in Verbindung mit einem Diagnoseprozess, für mich selbst verstanden. Danach habe ich mich sehr intensiv mit Neurodiversität auseinandergesetzt und darüber sehr viele andere Menschen kennengelernt. Es ist also zum einen ein persönliches Interesse. Und zum anderen ganz klar das Wissen, dass diese Auseinandersetzung allen Menschen hilft.
Was magst du an deiner Arbeit am meisten?
Definitiv den Austausch mit anderen Menschen – andere Perspektiven einsehen zu können. Ich habe Menschen Design gezeigt und gefragt: Wie findest du das? Oder ich habe beobachtet, wie sie sich Informationen erschließen. Diesen Austausch hätte ich sonst nie gehabt. Es ist einfach eine total schöne Sache, so viele Perspektiven wie möglich wahrzunehmen, um damit die eigene Perspektive öffnen zu können.
Wie gehst du konkret vor, wenn dich potenzielle Kundschaft kontaktiert?
Bei mir gibt es immer erst mal ein Kennenlerngespräch. Im besten Fall ist das ein Video-Call. Wenn die Person das nicht möchte, kann es auch ein Telefonat sein oder per E-Mail stattfinden. Ich richte mich in der Art des Kennenlernens nach der Person, die mich kontaktiert hat – auch hier versuche ich, die Kommunikation neuroinklusiv aufzubauen.
In dem Gespräch geht es mir darum zu verstehen: Mit welcher Aufgabe kommst du? Ganz oft kommunizieren potenzielle Kund*innen etwas, das sie haben wollen, oder etwas, wo sie denken, dass der Schuh drückt. Und nicht selten stellt sich dann heraus, dass eigentlich ein ganz anderes Thema angegangen werden muss. Deshalb setze ich mich erst mal viel mit der Welt der Kund*innen auseinander, um das eigentliche Thema zu verstehen. Davon leite ich dann ab, wie ich am besten unterstützen kann.
Was sind deine Lieblingskund*innen?
Ich arbeite sehr, sehr gern mit Menschen zusammen, die im Bereich Psychologie und Psychotherapie oder zum Thema Neurodivergenz arbeiten. Also mit Menschen, die selbst an, für und mit Menschen arbeiten. Da merke ich einfach, dass oft ein ähnliches Mindset da ist, ähnliche Haltungen. Und ganz klar: Meine Lieblingskund*innen sind auch meine aktuellen Kund*innen. Das kann von Soloselbstständigen bis zu größeren mittelständischen Unternehmen alles sein. Da bin ich nicht beschränkt – aber eben mit diesem starken Fokus.





