Mich nervt Schreiben nie (Blogparade)

Tafel mit der Aufschrift "Teamwork" und in verschiedenen Farben aufgemalten Personen

Was mich am Schreiben nervt? Als ich das Thema der Blogparade von Birgit Susemihl gesehen habe, war ich erstaunt. Warum sollte Leute, die beruflich oder hobbymäßig schreiben, irgendetwas daran nerven? Hätten sie nicht eine andere Beschäftigung gewählt, wenn ihnen das Schreiben tatsächlich auf den Zeiger gehen würde?

Und: Will ich bei einer Blogparade mit einem Beitrag dabei sein, die erst einmal negativ klingt? Wäre es nicht vorteilhafter für mein Business, einen Artikel zu schreiben, der gute Vibes verbreitet?

Außerdem: Ich liebe es zu formulieren, mit Worten zu spielen. Ich mag es, so lange an Sätzen zu feilen, bis sie richtig gut klingen. Und ich vereinfache auch gern Sätze, sodass sie für alle Menschen verständlich sind. Im Grunde bin ich Wortakrobat und Gehhilfe – mal das eine, mal das andere und mal beides davon. Und ich mag alles daran!

Blogparade: Was mich am Schreiben nervt

Seit ich denken kann, schreibe ich. Noch vor der Grundschulzeit war mein Ziel, Bücher zu schreiben. Meine Mutter bat ich deshalb früh, mir Buchstaben beizubringen. Schon mit fünf Jahren hatte ich alle möglichen Geschichten im Kopf, die ich zu Papier bringen wollte. Die Sätze formulierte ich, meine Mutter diktierte mir zuhause am Küchentisch die Buchstaben, die ich dafür brauchte. So entstand ein erstes Buch, das ich mit Zeichnungen bebilderte, lochte und mit einem roten Wollfaden zusammenband.

8 Jahre und jede Menge Kurzgeschichten

Als ich in der ersten Klasse war, begann ich, Bücher zu verschlingen – vor allem Internatsgeschichten. Insbesondere die Dolly-Geschichten von Enid Blyton las ich überaus gern. Etwa in der zweiten Klasse fing ich damit an, eigene Kurzgeschichten auf einen großen linierten Block zu schreiben. Manche davon sandte ich an die Kinderzeitung der örtlichen Lokalpresse und sie wurden abgedruckt. Im Gegenzug gab’s Geld oder ein Buchgeschenk.

Mit 27 Jahren ein „Roman noir“

Während meines Romanistik- und Germanistikstudiums verschlug es mich 1995 als Deutschassistentin nach Westfrankreich. In der Zeit begann ich einen Roman voller schwarzem Humor in Ingrid-Noll-Manier. Leider kam er bisher nicht über ein Konzept und die ersten 50 Seiten hinaus, die ich aber immer sorgsam digital und auch in Papierformat aufbewahrte. Vor ein paar Jahren stieß ich beim Aufräumen wieder darauf und war beeindruckt. Warum nur hatte ich nicht weiter am Roman gearbeitet?

Jahrzehntelanger Zeitmangel

Die Antwort ist gleichzeitig auch das, was ich auf Birgit Susemihls Frage entgegnen würde: Wenn mich etwas am Schreiben nervt, dann, dass ich lange Zeit viel zu wenig Zeit zum Schreiben hatte.

Wie das kam? Jahrzehntelang hatte ich als Lehrerin für Deutsch und Französisch einen Brotjob, der mich so in Anspruch nahm, dass für Schreiben weder Zeit noch Energie übrig war. Schade eigentlich, denn Kreativität gibt auch viel Energie zurück. Insbesondere das Schreiben erlaubt es mir aufzutanken. Dass ich dem Lehrerdasein das Schreiben opfern musste, machte mir dann auch irgendwann das Unterrichten madig – obwohl ich fast immer sehr gern unterrichtete. Auch damit war ich früh gestartet, ich hatte bereits als 6-Jährige die Nachbarskinder vor einer kleinen Tafel um mich geschart.

Vom Schreiben leben

2014 bin ich dann für sieben Jahre komplett aus dem Unterrichten ausgestiegen und schaffte es ziemlich schnell, vom Schreiben zu leben – als Übersetzerin und Texterin. Mein schwarzer Roman schlummert immer noch in seiner Schublade vor sich hin, aber für Kunden habe ich unzählige Texte geschrieben. Und 2022 ist eine meiner Kurzgeschichten in einem Sammelband erschienen: Schokolade an Weihnachten.

Seit 2018 arbeite ich außerdem tatsächlich an einem Buch. Ausgehend von der Familiengeschichte meiner Familie in der NS-Zeit schreibe ich an einem Sachbuchroman über Augsburg im Nationalsozialismus, das frühe KZ Dachau und auch über die Wehrmachtkarriere meines Opas. (Ein Verlag wird noch gesucht, falls du da irgendwelche Connections hast …)

Kapitel umschreiben müssen

Und ja, dabei gibt es hin und wieder Dinge, die mich nerven – zum Beispiel, wenn ich ein Kapitel fertig habe. Wenn ich tagelang recherchiert, an meiner Sprache gefeilt, einen Cliffhanger kreiert habe und sich dann völlig neue Erkenntnisse auftun, wie: Opa ist nicht im Alten Hauptkrankenhaus in Augsburg verstorben, sondern in der Urologischen Klinik in der Frischstraße. Bäm!!!! Der Mörder im Buch, ein fanatischer Nazi, stammte nicht aus so ärmlichen Verhältnissen wie gedacht. Bäm!!! Und der Uropa begab sich 1902 zunächst als Wanderarbeiter nach Augsburg und nicht nach Göggingen. Bäm!!! Ganze Kapitel für den Müll.

Schreiben nervt mich nie

Aber: Such is life!  Ein Buch schreibt sich nicht linear. Es durchläuft viele Stadien und muss immer wieder überarbeitet werden. Dabei gehen geniale Ideen flöten, können nicht mehr eingebaut werden. Ein super Wortspiel muss plötzlich ins Nirwana verschwinden. Eine ach so schöne Formulierung verlässt die Bühne und macht anderen Worten Platz. Und ja, wenn ich einen Absatz oder ein Kapitel besonders gelungen fand, ärgert mich das.

Dennoch nervt mich Schreiben nie.

Foto: © Andrea Halbritter

Frau mit schulterlangen blonden Haaren und grauen Strähnen, blauen Augen, Brille und grauem Mantel

Andrea Halbritter

Andrea Halbritter ist Germanistin mit 2. Staatsexamen und vom Netzwerk Leichte Sprache e. V. zertifiziert. Sie erstellt Texte in Leichter und Einfacher Sprache für NS-Gedenkstätten, Museen, politische Parteien und Gesundheitsbehörden. In den Sprachrichtungen Französisch-Deutsch und Englisch-Deutsch übersetzt Andrea vor allem im Bereich Wein.

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