Was ein französisches Patent mit dem KZ-Lager Kaufering VII zu tun hat

Tafel mit der Aufschrift "Teamwork" und in verschiedenen Farben aufgemalten Personen


Das KZ-Lager Kaufering VII und seine Tonröhrenbauten

Der KZ-Lagerkomplex Kaufering mit seinen zehn bzw. elf Außenlagern des Konzentrationslagers Dachau (ob es Lager V tatsächlich gab, ist nicht bekannt) entstand ab Juni 1944.

Gebaut werden sollten drei bombensichere Bunker zur Produktion von Flugzeugen.

Nach derzeitigem Wissensstand wurden dazu etwa 23 000 jüdische KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit in den KZ-Lagerkomplex Kaufering verschleppt. Die durchschnittliche Überlebensdauer der Häftlinge, die Kaufering in gutem Gesundheitszustand erreichten, betrug drei Monate. Manche kamen jedoch schon geschwächt und krank in Kaufering an und verstarben daher schon viel früher.

Europäische Holocaustgedenkstätte Landsberg Bayern

In Massengräbern rund um Kaufering und Landsberg am Lech liegen etwa 6500 namentlich bekannte KZ-Häftlinge. Andere wurden nach Auschwitz-Birkenau oder in andere Konzentrationslager überstellt oder starben 1945 auf dem Todesmarsch.

Die Mehrheit der KZ-Häftlinge war in KZ-Erdhütten untergebracht. Daneben existierten Tonröhrenbauten, in denen v. a. weibliche Gefangene lebten und die vom Bereich der Männer mit Stacheldraht abgegrenzt waren.

Erhalten sind diese Bauten nur noch im ehemaligen Lager VII an der Erpftinger Straße in Landsberg am Lech. Von den ehemals sechs Tonröhrenbaracken sind drei noch intakt, drei weitere sind lediglich teilweise erhalten.

KZ-Außenlagerkomplex Dachau

KZ-Lager Kaufering VII: 100 Frauen in einer Baracke

Eine davon betrete ich am 03.08.2019 mit Helga und Manfred Deiler, die sich dem KL-Lager Kaufering VII seit mehreren Jahrzehnten angenommen haben, sowie mit einer Übersetzerkollegin und ihrem Mann. Während der Führung kommen außerdem noch zwei Radtouristen aus Ostdeutschland dazu.

Manfred Deiler erklärt die Lebensbedingungen in den Tonröhrenbauten sehr anschaulich. Dass in den 13,50 m langen und 6,10 m breiten Baracken jeweils bis zu 100 Frauen hausen mussten, erscheint unvorstellbar, zumal die Luftfeuchtigkeit in den Unterkünften Tests zufolge mehr als 90 % betragen haben muss. “Den Frauen sind ihre Sachen und ihre Strohsäcke buchstäblich unter dem Hintern verrottet.”

Tonröhrenbauten KZ-Lager Kaufering VII

Die Wölbröhren des Jacques Couëlle

Die Tonröhrenbauten gehen auf eine französische Methode zurück, die vom 1902 in Marseille geborenen Architekten Jacques Couëlle entwickelt wurde. In den 1930er-Jahren waren Baustoffe nämlich immer knapper geworden, so dass es im Bereich des Bauens zu einigen Innovationen kam.

Jacques Couëlles Methode bestand darin, Bauwerke aus sog. fusées céramiques (Wölbröhren aus Keramik) zu errichten.

Während des Zweiten Weltkriegs benutzte man fusées céramiques in Frankreich u. a. zum Bau von Kasernen und Brücken. Produziert wurden die keramischen Röhren zunächst in Marseille. Auch in den Niederlanden sowie in Belgien machte man bald von dieser neuen Bauweise Gebrauch. Konstruiert wurden dort mit den Wölbröhren z. B. Gotteshäuser und Spitäler.

Seine Inspiration holte sich Jacques Couëlle vermutlich sowohl in der Natur bei Bambus und Schachtelhalmen als auch in der Antike.

Tonröhrenbauten Kaufering VII

KZ-Lager Kaufering VII: aus Frankreich importierte Röhren

Unbekannt ist derzeit noch, wo überall fusées céramiques hergestellt wurden. Im KZ-Lager Kaufering VII jedenfalls kann man auf einigen Tonröhren FUSEE CERAMIQUE J.C. BTEE S. G. D. G. lesen. Während J. C. auf den Erfinder Jacques Couëlle verweist, stehen die anderen Buchstaben für Brevetée sans garantie du gouvernement (Patent ohne Garantie der Regierung).

In ihrer Ausführung unterscheiden sich die Tonröhrenbauten in Kaufering etwas vom System des Jacques Couëlle. So wurden die Tonröhren im Lager VII ohne Mörtel auf einer Leerschalung zusammengesetzt und mit ihrem zylindrischen Ende nach unten im Kämpfer vermörtelt.

Die im KZ-Lager Kaufering VII verwendeten Röhren sind aus Terrakotta und weisen eine Gesamtlänge von 330 mm sowie einen Durchmesser von 80 mm auf. Das Gewicht einer Tonröhre beträgt in trockenem Zustand etwas über ein Kilo.

Tonröhren Jacques Douelle

Die Tonröhren für die Kauferinger Baracken wurden aus Frankreich importiert. Wo sie genau hergestellt wurden und wie sie in den Großraum Landsberg gelangten, ist jedoch unbekannt. Produziert wurden sie z. B. von der Ziegelei Martin Frères in Marseille, das ab November 1942 von der deutschen Wehrmacht besetzt war.

Dass der Organisation Todt (OT) das französische Patent bekannt war, bezweifeln Experten.

Pro Baracke wurden im KZ-Lager Kaufering VII jeweils 155 Reihen an Tonröhren verbaut, wobei jede Reihe aus fast 30 Tonröhren bestand. Allein in diesem Lager wurden damit über 50 000 Röhren aus Terrakotta verwendet und im Eiltempo Behausungen für KZ-Häftlinge konstruiert.

Konzentrationslager Kaufering VII

Die Tonröhrenbauten des KZ-Lagers Kaufering VII heute

2011 wurden ein Ingenieur- sowie ein Architekturbüro damit beauftragt, eine Untersuchung über den Zustand der Bauten und Möglichkeiten zur Erhaltung der Bauwerke anzufertigen. Anschließend kam es zu Renovierungsarbeiten an den drei noch im Originalzustand erhaltenen und weitgehend intakten Tonröhrenbauten. Die Konservierung der Gewölbe wurde mit öffentlichen Geldern sowie mit Eigenmitteln der Europäischen Holocaustgedenkstätte e. V.  und mit Hilfe der Lotterie GlücksSpirale finanziert. Für ihr Bemühen um den Erhalt der Tonröhrenbauten wurde die Landsberger Stiftung mit Vorstand Manfred Deiler seither mehrfach ausgezeichnet: 2016 mit dem Bayerischen Denkmalpflegepreis in Gold, 2018 mit der Medaille des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.

Bleibt zu hoffen, dass sich nun auch öffentliche Gelder finden, die das nächste Projekt der Stiftung, ein Dokumentationszentrum zum KZ-Außenlagerkomplex Kaufering, finanzieren. Zeit wär’s mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs …

KZ-Außenlagerkomplex Kaufering

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Fotos: © Andrea Halbritter

Quelle:

Deiler, Manfred: Das ehemalige KZ-Außenlager Kaufering VII. In: Ziegelei-Museum (Hg.): 36. Bericht der Stiftung Ziegelei-Museum 2019. Hagendorn/Cham 2019, S. 49 – 67