Vergessene Konzentrationslager: das KZ-Außenlager Kaufering IV – Hurlach

Tafel mit der Aufschrift "Teamwork" und in verschiedenen Farben aufgemalten Personen

Der KZ-Außenkomplex Kaufering

Der KZ-Außenkomplex Kaufering entstand im Jahr 1944 und umfasste mindestens 10 Lager: Kaufering I – Landsberg, Kaufering II – Igling, Kaufering III – Kaufering, Kaufering IV – Hurlach, Kaufering VI – Türkheim, Kaufering VII – Erpfting, Kaufering VIII – Seestall, Kaufering IX – Obermeitingen, Kaufering X – Utting, Kaufering XI – Landsberg-Stadtwaldhof. Von Kaufering V gehen manche davon aus, dass es lediglich geplant, aber nicht errichtet wurde. Jedenfalls konnte es bis heute nicht lokalisiert werden.

Das KZ-Außenlager Kaufering IV entstand am 1. August 1944 für Frauen und am 25. August 1944 für Männer. Es war Unterkunft für die auf dem Flugplatz und beim unterirdischen Fabrikbau Beschäftigten und diente als Krankenlager.

KZ-Außenlager Kaufering: Vernichtung durch Arbeit

Friedhof im Wald
KZ-Friedhof an der Lechstaustufe 18

Bis 1945 durchliefen den KZ-Außenkomplex Kaufering bis zu 30 000 Menschen, vor allem Juden aus ganz Europa. Man schätzt, dass zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Häftlinge aufgrund der schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen starben. So schufteten die Deportierten in unterirdischen Rüstungsbunkern, wo sie drakonischen Misshandlungen ausgesetzt waren und aufgrund von Nichtigkeiten und zur Einschüchterung der anderen Häftlinge hingerichtet wurden. Praktiziert wurde die Methode “Vernichtung durch Arbeit”. Statt in der Gaskammer sollten jüdische Häftlinge im KZ-Außenkomplex Kaufering mit der Arbeit für die deutsche Rüstungsproduktion in den Tod getrieben werden.

Konzentrationslager aus Erdhütten und anderen Primitivbauten

KZ-Friedhof an der Lechstaustufe 18

Beim Bau des Lagerkomplexes Kaufering kam es zu den von Speer durchgesetzten Primitivbauten. So wurden Häftlinge in Erdhöhlen und Tonröhrengewölben untergebracht. Soweit nicht bereits bestehende Bauten genutzt werden konnten, wurden in Kaufering Bauten aus Sperrholz, Blechunterkünfte, mit Zeltplanen bedeckte Schuppen und Erdhütten gebaut, wobei die Erdhütten aus Holzdächern in Form eines A bestanden, welche mit einer Schicht Lehm und Rasen bedeckt waren.

Während sie an der Stirnseite eine Tür besaßen, hatten sie an ihrer Rückseite ein Fenster. Ein in der Mitte der Hütten ausgehobener Graben wiederum ermöglichte es den Häftlingen zu stehen und zu gehen. Zu beiden Seiten dieses Grabens befanden sich mit Stroh oder Holzspänen bedeckte Bretter, die den Gefangenen als Betten dienten.

Mit Öfen wurden diese Behausungen vermutlich erst im November oder Dezember 1944 ausgestattet, wobei diese jedoch nicht unbedingt befeuert werden konnten, da es an Brennmaterial mangelte. Die Häftlinge waren daher sowohl großer Feuchtigkeit als auch erbarmungsloser Kälte ausgesetzt, zumal die Lehmdächer ihrer “Hütten” undicht waren. Während bei Regen Wasser in die Behausungen floss, hingen im Winter Eiszapfen von der Decke.

Bereits vor der Ankunft geschwächte KZ-Häftlinge

Friedhof
Friedhof des KZ Kaufering IV

Menschen, die im KZ-Außenkomplex Kaufering ankamen, waren zudem vorher bereits in anderen Lagern oder Ghettos untergebracht gewesen oder hatten lange Fußmärsche hinter sich. Sie waren also in der Regel bereits sehr geschwächt, als sie im Lager ankamen. In Kaufering wurden sie anschließend bei wenig Nahrung zu schwerer Arbeit, wie dem Roden von Bäumen, dem Entfernen von Baumwurzeln, dem Errichten von Erdwällen, Verlegen von Schienen und dem Auf- und Abladen von Zementsäcken und anderen schweren Gütern, gezwungen.

Häftlinge mussten bereits um 5 Uhr morgens zum Zählappell antreten und dann zu Fuß teils weite Wege zu ihrer Arbeitsstelle zurücklegen.

“Krepierlager” Kaufering IV – Hurlach

von Mauer umgebene Wiese
KZ-Friedhof Kaufering IV – Hurlach

Neben der Arbeit am Tag gab es auch Nachtschichten, während denen es leicht zu Unfällen kam, da die Menschen einschliefen oder vor Erschöpfung und Müdigkeit umfielen. Durch den häufigen Kontakt mit Zementstaub litten zahlreiche Gefangene ferner an Ausschlägen. Hinzu kamen Krankheiten durch Unterkühlung. Verbandsmaterial oder Medikamente waren nicht vorhanden, die weniger Widerstandsfähigen unter den Häftlingen starben bereits nach einigen Wochen, die anderen nach ein paar Monaten. Wer vorher schon arbeitsunfähig war, wurde von der Lagerleitung nach Auschwitz geschickt und, nachdem die Gaskammern dort ihre “Arbeit” eingestellt hatten, in das Lager Kaufering IV verlegt, das auch als “Krepierlager” bezeichnet wurde, weil die Menschen dort sehr schnell verstarben.

Sämtliche Lager waren außerdem stark verlaust und wurden Anfang 1945 von einer Flecktyphus-Epidemie erfasst, die Tausenden das Leben kostete.

Am 27. April 1945 steckte die SS das KZ Kaufering IV auf Befehl des Lagerarztes Max Blancke mitsamt seiner nicht gehfähigen Häftlinge in Brand, die anderen wurden evakuiert. Ob die Insassen bei lebendigem Leib verbrannten oder vorher ermordet wurden, ist nicht geklärt. Nur wenig später wurde das Konzentrationslager von amerikanischen Truppen befreit, die nur noch zehn Überlebende vorfanden. Lagerkommandant Johann Baptist Eichelsdörfer sowie andere Verantwortliche wurden 1945 als Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen, Eichelsdörfer wurde bereits einen Monat später in Landsberg am Lech hingerichtet. Blancke beging Selbstmord.

Das KZ-Außenlager Kaufering IV heute

Türchen mit Davidstern, dahinter Friedhof
Einer der KZ-Friedhöfe an der Lechstaustufe 18

Begibt man sich in der Hurlacher Heide auf die Suche nach den Friedhöfen des KZ-Außenlagers Kaufering IV, von dem keine Überreste mehr vorhanden sind, begegnen einem insbesondere im Frühjahr vor allem Botaniker.

Unter Orchideen- und Enzianfreunden ist die Heide in der Tat weit über die Grenzen des Landkreises Landsberg am Lech bekannt, gedeihen hier doch 16 verschiedene Orchideenarten. Spricht man die Besucher, die mit Lupen, Fotoapparaten und Smartphones auf der Suche nach seltenen Orchideen sind, auf das ehemalige KZ-Außenlager an, wissen sie hiervon nichts.

Dies verwundert auch nicht weiter, findet man auf dem Gelände doch mehrere Tafeln zur Florenbrücke Lechtal sowie ausführliche Informationen zu den Fischaufstiegsanlagen der Lechstaustufe 18, jedoch keinerlei Informationen zum KZ-Außenlager Kaufering. Darauf, dass es hier einmal ein KZ-Außenlager gab, weisen lediglich drei Schilder hin, die dem geschichtsinteressierten Besucher den Weg zu den beiden Friedhöfen in unmittelbarer Nähe der Staustufe 18 zeigen.

Wie gelangt man zu den KZ-Friedhöfen zwischen Hurlach und Kaufering?

Im Norden von Kaufering befinden sich insgesamt drei KZ-Friedhöfe.

Wiese, von Mauer umgeben, hohe Bäume
KZ-Friedhof Kaufering IV

Die KZ-Friedhöfe in unmittelbarer Nähe der Lechstaustufe 18

Zu den ersten beiden gelangt man aus Augsburg kommend, wenn man auf der neuen B17 die Ausfahrt Hurlach nimmt und anschließend nicht in den Ort, sondern auf der alten B17  in Richtung Kolonie Hurlach und dann Kaufering fährt. Etwa auf halber Strecke zwischen der Kolonie Hurlach und Kaufering biegt man auf der linken Seite in Richtung Lechstaustufe 18/KZ Friedhof/Kläranlage Kaufering ab.

Schild Fußweg zu den KZ-Friedhöfen, dahinter Gebüsch
Wegweiser in der Hurlacher Heide

Sein Fahrzeug kann man anschließend auf dem unbefestigten Parkplatz vor der Lechstaustufe abstellen und dann den Weg zurücklaufen, bis ein weiteres Schild auf einen Fußweg zu den KZ-Friedhöfen verweist. Nach maximal 20 Fußminuten gelangt man so über die Hurlacher Heide vorbei an Enzianen, Orchideen und anderen Blumen zu einem ersten, größeren Friedhof, der von einer etwa hüfthohen Mauer umgeben ist. Auf dem Areal ein Gedenkstein sowie einige Grabsteine mit zumeist hebräischen Inschriften. Alte Grabumfassungen weisen auf weitere Gräber hin.

Gedenkstein mit der Aufschrift: Hier ruhen 48 Unbekannte jüdische KZ-Tote, die 1973 in der Umgebung geborgen werden konnten
Grabstein für 48 unbekannte KZ-Opfer

Friedhof zwei ist etwas kleiner und befindet sich in nur wenigen Metern Entfernung von Friedhof eins. Angehörige haben an seiner Mauer Gedenkplatten angebracht. Neben verschiedenen Grabsteinen erinnert ein kleines Mahnmal an 48 unbekannte KZ-Opfer, deren Überreste 1973 in der Nähe geborgen werden konnten. Beide Friedhöfe scheinen regelmäßig gemäht zu werden.

Der KZ-Friedhof zwischen alter und neuer B17

Um zu Friedhof 3 zu gelangen, fährt man auf der alten B17 noch weiter Richtung Kaufering. Nach einem Feld mit Solarzellen weist anschließend auf der rechten Seite ein Schild auf den KZ-Friedhof hin. Der Kiesweg darf nur von Fußgängern oder Radfahrern benutzt werden, Autofahrer können ihren Pkw an der nahegelegenen Kiesgrube abstellen. Nach etwa 15 Fußminuten biegt man vor einer weiteren Kiesgrube links auf einen mit Gras bewachsenen Weg ab. Auch hier weist ein Schild den Weg.

Mauer und Wiese
Blick vom Friedhof in Richtung Kaufering

Nach etwa 100 m erreicht man den sich zwischen Feldern befindenden Friedhof, von dem aus man im Südosten den Kirchturm von Kaufering erahnen und im Westen den Verkehr auf der neuen B17 sehen und hören kann. Auf dem Friedhof ein aus drei größeren Steinen bestehendes und von Efeu umranktes Mahnmal mit den Inschriften “360 KZ-Opfern errichtet 1950”  und “Ihr zoget durch ein Meer von Leid, nun ruhet in Gott und Ewigkeit”.

Gedenkstein auf einem Friedhof, Aufschrift: 360 KZ-Opfern zum Gedenken, errichtet 1950
Friedhof zwischen der alten und der neuen B17

Davor im Frühjahr 2019 ein schon gelber Kranz aus Tannenzweigen, offensichtlich hat hier schon länger kein Gedenken mehr stattgefunden, obwohl der Jahrestag der Befreiung vom Faschismus erst eine Woche her ist, als ich den Friedhof besuche.

Weitere Informationen über das KZ-Außenlager Kaufering IV und seine Opfer sucht man auch hier bisher vergeblich. Im Gespräch ist derzeit jedoch ein Dokuzentrum für Lager VII.

Quellen:

Kaufering soll ein Dokuzentrum bekommen

Landsberger Zeitgeschichte: Tonröhrenbaracken

Stanislav Zámečník: Das war Dachau. Frankfurt am Main 32013, S. 312 – 316

Liberation of Kaufering IV Dachau sub-camp

Tor mit Davidstern

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Andrea Halbritter

Andrea Halbritter ist Nachfahrin von politisch Verfolgten des Naziregimes. Drei Mitglieder ihrer Familie waren im “Dritten Reich” im Polizeigefängnis Augsburg und/oder im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Als Übersetzerin vom Französischen ins Deutsche sowie vom Standarddeutschen in Leichte und Einfache Sprache arbeitet die Germanistin und Romanistin unter anderem im Bereich Erinnerungskultur.

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