Vergessene Konzentrationslager: das “Jugendschutzlager” Uckermark

Tafel mit der Aufschrift "Teamwork" und in verschiedenen Farben aufgemalten Personen

“Jugendschutzlager” Uckermark: ein Konzentrationslager für junge Frauen

In unmittelbarer Nähe zum Konzentrationslager Ravensbrück ließ das Reichspolizeikriminalamt 1942 ein Konzentrationslager für junge Frauen und Mädchen errichten, das von den Nationalsozialisten verharmlosend “Jugendschutzlager” genannt wurde.

Wie mit unangepassten Jugendlichen umzugehen war, wurde bereits seit den 20er-Jahren diskutiert. Die Nationalsozialisten vertraten die Auffassung, dass ein wenig konformes, nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechendes Verhalten von jungen Menschen in “minderwertigen Erbanlagen” begründet war. Unangepasste Jugendliche wurden in der Regel als “asozial” eingestuft.

Nach der Machtübernahme erteilten die Nationalsozialisten der Polizei weitreichende Befugnisse, welche es dieser erlaubten, mit der Einrichtung von “Jugendschutzlagern” für “asoziale” und “kriminelle” junge Menschen in die Bereiche von Gerichten und Jugendfürsorge einzugreifen.

In unmittelbarer Nähe zum Konzentrationslager Ravensbrück errichtet

Nachdem im Sommer 1940 bereits ein “Jugendschutzlager” für männliche Jugendliche errichtet worden war, wurde der Ruf nach einem solchen Lager für junge Frauen immer lauter, so dass die SS im Jahr 1941 ein größeres Waldstück in der Nähe des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück in der Uckermark erwarb.

Für die Auswahl des Standortes war wohl auch zum Teil ausschlaggebend, dass mit dem benachbarten Männerkonzentrationslager Ravensbrück genügend männliche Häftlinge für den Bau des “Jugendschutzlagers” zur Verfügung standen. Die männlichen Lagerinsassen mussten nicht nur das Gelände vorbereiten, sie hatten auch die Baracken für die weiblichen “Zöglinge” zu errichten.

Als die ersten jungen Frauen im Juni 1942 im Jugend-KZ ankamen, befand sich dieses noch im Aufbau. Bis zur Auflösung des Lagers im Jahr 1945 entstanden insgesamt 17 Baracken, wobei die Leiterin des “Jugendschutzlagers” jede fertiggestellte Baracke dem Reichskriminalpolizeiamt meldete, so dass es zu neuen Einweisungen kommen konnte.

Lektor Studie Nationalsozialismus
Gelände des ehem. “Jugenschutzlagers” Uckermark

Mindestens 1200 inhaftierte junge Frauen

Im “Jugendschutzlager” Uckermark befanden sich zwischen den Jahren 1942 und 1945 zwischen 1200 und 2000 junge Frauen und Mädchen in Haft, wobei die meisten aus Deutschland, Österreich und Slowenien stammten. Viele hatten sich außerdem bereits vorher in Einrichtungen der Jugendfürsorge befunden, wo sie durch ihr “widerspenstiges Verhalten” aufgefallen waren.

Zu den Haftgründen zählten u. a. “sexuelle Verwahrlosung”, verbotener Umgang mit ausländischen Zwangsarbeitern, “Unerziehbarkeit”, Diebstahl oder “Arbeitsverweigerung”. Auch junge Frauen, die zu Widerstandsgruppen gehörten, mit oppositionellen Vereinigungen in Verbindung standen oder aus der Volksgruppe der Sinti und Roma stammten, wurden in das “Jugendschutzlager” Uckermark eingewiesen. Ebenso waren im Lager junge Zeuginnen Jehovas sowie Jugendliche in Haft, deren Familien aus beliebigen Gründen als “asozial” eingestuft worden waren. Für eine Verschleppung ins Jugend-KZ reichten bisweilen sogar der Besuch eines Tanzlokals, die Freundschaft mit jüdischen Bekannten oder eine Zugehörigkeit zur sog. Swing-Jugend.

Übersetzer Französisch Deutsch Verfolgung im Dritten Reich
Ausstellung zur Zwangsarbeit (KZ Ravensbrück)

Lageralltag und Zwangsarbeit

Der Tag begann im “Jugendschutzlager” Uckermark um 5 Uhr morgens. Barfuß und in Unterwäsche mussten die – zwischen 16 und 21 Jahre alten – jungen Frauen sogar im Winter zum Frühsport im Freien antreten. Nach Bettenbau, Appellstehen neben den Betten, Frühstück und Zählappell ging es dann in die jeweiligen Arbeitskommandos.

So mussten in dem Sumpfgebiet beispielsweise wochenlang Entwässerungsgräben angelegt werden. Wiederum andere Häftlinge waren dem Strick- oder Lorenkommando zugeteilt, fertigten in der Bastelstube Puppen, arbeiteten bei Siemens oder halfen im Haushalt von Beamten der Gestapo.

Der Alltag im Lager war von Hunger, körperlicher Ertüchtigung bei eisigen Temperaturen und schweren Misshandlungen geprägt. Ehemalige “Zöglinge” berichteten ferner von einigen Todesfällen. Sich zu unterhalten war den jungen Frauen bei schweren Strafen 24 Stunden am Tag verboten, auch Toilettengänge während der Arbeit waren in der Regel nur zu festgesetzten Zeiten möglich.

An Angehörige durfte nur einmal im Monat ein Brief verfasst werden.

Die Nahrung bestand hauptsächlich aus Kartoffeln und Kohl. Die Ernährung war so ungenügend und die hygienischen Bedingungen im Lager so schlecht, dass die Mädchen nicht nur unter Lausbefall und ständigem Hunger, sondern auch unter schweren Krankheiten, wie Ruhr, Typhus oder Tuberkulose, litten. Durch die Holzpantinen kam es außerdem ständig zu eiternden Blasen. Aufgrund der unzureichenden Bekleidung konnte sich im Winter kaum jemand vor der Kälte schützen.

Aus Verzweiflung über ihre aussichtslose Lage verstümmelten sich einige der jungen Frauen oder nahmen sich das Leben.

Übersetzer Französisch-Deutsch Nationalsozialismus
Jugend-KZ Uckermark

Vernichtungslager Uckermark

Im Januar 1945 wurde das Jugend-KZ teilweise aufgelöst, so dass im “Jugendschutzlager” nur maximal 60 junge Frauen verblieben. Die anderen Häftlinge waren in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück oder in andere Lager überstellt worden. Im frei gewordenen Lagerteil errichtete die SS das Vernichtungslager Uckermark, in das kranke Häftlinge und Frauen über 52 Jahre aus dem Konzentrationslager Ravensbrück eingeliefert wurden.

Vielen Frauen im Vernichtungslager wurden tödliche Medikamente verabreicht. Weigerten sie sich, diese zu nehmen, wurden sie entweder erschossen oder per Giftspritze getötet. Täglich fuhren zu jener Zeit außerdem Häftlingstransporte zur angeblichen Läusebehandlung  ins sog. Lager “Mittwerda”, wie die provisorische Gaskammer von Ravensbrück offiziell genannt wurde.

Insgesamt ermordeten die Nationalsozialisten zwischen Januar und April 1945 etwa 5000 Frauen.

Übersetzer Französisch Deutsch Judenverfolgung
Platz der Gaskammer im KZ Ravensbrück

Befreiung und “Wiedergutmachung”

Im April 1945 werden die verbliebenen Frauen des “Jugenschutzlagers” schließlich Richtung Norden auf einen Todesmarsch getrieben, bevor das KZ Ravensbrück am 30. April 1945 von der Roten Armee befreit wird.

Bis Juli 1945 dienten die Baracken des Jugendlagers als Krankenstation für geschwächte Gefangene, bevor sie schließlich abgebrannt und das Gelände von der sowjetischen Armee mit Militärgebäuden überbaut wurde.

Die gelernte Fürsorgerin Lotte Toberentz, die das “Jugendschutzlager” Uckermark ab 1942 geleitet hatte, wurde 1948 von einem britischen Militärgericht freigesprochen, so dass sie nach dem Krieg weiterhin in leitender Position bei der westdeutschen Polizei tätig sein konnte.

Als Konzentrationslager wurde das Jugend-KZ Uckermark erst 1970 anerkannt. Den Häftlingen wurde eine halbjährige Frist eingeräumt, während der sie Anträge auf “Wiedergutmachung” stellen konnten. Da diese Möglichkeit jedoch nur im Bundesgesetzblatt veröffentlicht worden war, erfuhren die meisten Frauen, die im “Jugendschutzlager” inhaftiert waren, davon nichts. In den 1980er-Jahren richteten schließlich einige Bundesländer Härtefonds ein, um ehemalige Häftlinge mit sehr niedrigen Summen zu “entschädigen”. Die meisten Frauen, die im Lager Zwangsarbeit verrichtet hatten, bekamen diese Zeit ferner nicht auf ihre Rente angerechnet.

Korrektor Studien Drittes Reich
Ehemaliges Jugend-KZ Uckermark

“Jugendschutzlager” und Vernichtungslager Uckermark heute

Trotz Versprechungen seitens der Politik existiert auch im Jahr 2018 noch immer kein würdiger Ort, der an die Geschichte der im Jugend-KZ Uckermark inhaftierten Frauen und Mädchen erinnert.

Das Gelände des ehemaligen Mädchenkonzentrationslagers und späteren Vernichtungslagers ist noch immer kein Teil der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück.

Zu erreichen ist das ehemalige “Jugendschutzlager” Uckermark heute zu Fuß oder mit dem Rad, wenn man der von Häftlingen gepflasterten Straße folgt, die an der früheren Siedlung für SS-Angehörige sowie am Frauenkonzentrationslager vorbei in Richtung Himmelpfort führt und die nur ein Stück weit mit dem Auto befahren werden kann, bevor sie schließlich zum Rad- bzw. Fußweg wird.

An der Sichtbarmachung des Orts arbeiten seit 1997 verschiedene Workcamps. Errichtet wurden z. B. einige Tafeln mit Informationen zu Jugend-KZ und Vernichtungslager. Ferner kann der interessierte Besucher sich über das Schicksal verschiedener Gefangener informieren, der Häftlinge an einem “improvisierten” Mahnmal gedenken und die Lage einzelner Baracken erkennen.

Quellen:

Beßmann, Alyn/Eschebach, Insa (Hg.): Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück – Geschichte und Erinnerung. Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Band 41. Metropol-Verlag, Berlin 2013

Gedenktafeln auf dem Gelände des ehemaligen “Jugendschutzlagers” Uckermark

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Fotos: © Andrea Halbritter, Côté Langues

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