Seit ein paar Jahren wird die Liste der Barrieren, die mir im Alltag begegnen, größer. Ich bin Frau, Ende 50 und seit 2014 Brillenträgerin. Außerdem habe ich noch das eine oder andere Problem, das sich in dem Alter so einstellt. Kontrollierter Verfall quasi.
Noch immer sind viele Produkte und Orte aber für junge Menschen mit Adleraugen und Muckis wie Schwarzenegger konzipiert, die mal leichtfüßig vier Stockwerke hochrennen und dazu noch einen 20-Kilo-Koffer jonglieren. Welche Barrieren kommen im Alter dazu?
Die letzten Monate habe ich mir einen „Spaß“ daraus gemacht, Barrieren zu notieren, die mir so über den Weg laufen. Achtung: Es wird einiges dabei sein, womit du auf Anhieb nicht gerechnet hättest!
21 Barrieren, mit denen angehende Seniorinnen konfrontiert sind
#1 Wo zur Hölle kommt das Deo raus?
Den Auftakt macht am Morgen das Deo. Zurzeit benutze ich Impulse. Die Marken wechseln so durch – je nachdem, ob ich wie eine Vanilleschote, ein Veilchen oder ein exotischer Obstkorb duften will. Und natürlich hängen sie auch davon ab, was der Markt gerade so dahatte.
Und schon taucht eine Frage auf, die ich mir früher bei Impulse nie gestellt habe: Wo zur Hölle kommt da eigentlich das Deo raus? In welche Richtung muss ich es halten, um den Sprühstoß nicht irgendwo abzubekommen, wo ich ihn absolut nicht gebrauchen kann?
#2 Wie geht das Duschgel auf?
Palmolive wiederum stellt mich einmal täglich vor einen Intelligenztest. Wie eigentlich geht die Kappe auf, sodass Frau unter der Dusche tatsächlich an Duschgel kommt?
Der Mechanismus ist irgendwie so innovativ und unscheinbar, dass ich damit regelmäßig hadere, obwohl ich schon beim zweiten Spender der Marke bin. Das ist tatsächlich auch weniger ein Altersding. Ich bin überzeugt, anderen Duschfreudigen, die sich mit Palmolive-Duschgel Jasmin & Milch eingedeckt haben, geht’s ähnlich. Wer erfindet denn eine Kappe, bei der niemand weiß, wie sie aufgeht? Nach dem vierten Versuch habe ich mindestens einen abgebrochenen Nagel.
#3 Wie bekomme ich das Brot geschnitten?
Nach Jahren in Frankreich genieße ich wieder deutsches Brot. Manchmal vergesse ich leider, es mir aufschneiden zu lassen.
Da fällt mir ein: Als wir Kinder waren, kam diese Aufgabe vielleicht nicht zufällig meinem Vater zu. Er klemmte sich den riesigen Laib Brot, meist irgendeine holzofenverkrustete Variante, gegen die Brust und sägte mit einem großen Messer Richtung Herz.
Nein, auf so gewagte Manöver würde ich nie kommen. Irgendwie frage ich mich allerdings zunehmend, warum wir irgendwann in den 1980er Jahren Omas handbetriebene Brotschneidemaschine auf dem Flohmarkt verkauft haben. Meine Kraft reicht jedenfalls nur noch für ausgefranste Brotscheiben.
#4 Hilfe, ich komme nicht mehr aus dem Klo
Schulklos sind ja oft so eine Sache. Viele wollen da nicht unbedingt rein. Auch die Lehrertoiletten sind nicht immer die besten. Aber an unserer Schule sind sie top, sogar die Schülerklos.
Zweimal pro Woche bin ich seit ein paar Jahren wieder im Schuldienst unterwegs. Da ich morgens Unmengen Schwarztee zu mir nehme, geht’s am Gymnasium nach dem Kopierer zuverlässig aufs Lehrerklo.
Fürs Verschließen und Öffnen sind an der Toilettentür Drehriegel angebracht, die mit der Hand komplett umfasst werden und dann knackig gedreht werden müssen. An manchen Tagen brüllt mein Handgelenk oder aber es verweigert komplett den Dienst.
#5 Das kann ich nicht lesen!
In der Schule sammle ich Deutschaufsätze ein. Die meisten Schüler haben sie sogar gemacht und sie waren dabei sehr kreativ.
Als Farben prangen mir neben dem Standardblau und -schwarz helles Gelb, Rosa und sanftes Mintgrün entgegen. Wahrscheinlich wollten mir die Mädchen damit eine Freude machen (ich bin oft in dunklem Mintgrün gekleidet) oder einfach nur neue Stifte ausprobieren.
Sorry, ich kann’s nicht lesen. Auch mit Brille und bei Tageslicht nicht. Wenn ich mir das jetzt trotzdem zumute, habe ich entweder einen Tag Kopfschmerzen oder ich brauche neue Gläser. Also daruntergeschrieben: „Kann ich nicht lesen. Kannst du bitte mit Dunkelblau oder Schwarz schreiben? Dann ist der Kontrast höher. Danke.“ Smiley danebengesetzt.
#6 „Neumodische“ Technik bei schlechter Sicht
Den E-Screen und die dazugehörige Doku-Kamera muss ich heute selbst anstöpseln. Wo bitte soll was rein? Und wie sehe ich die Öffnung?
Diese Fragen wiederum erinnern mich an das Deo. Schwarz auf Schwarz ist halt auch kein guter Kontrast. Bringt doch einfach für ältere Leute Pfeile an, wählt zwei sehr unterschiedliche Farben oder erfindet intelligente Vorrichtungen, die einem mitteilen, wo man richtig ist.
Glücklicherweise gibt’s hilfsbereite Technik-Geeks mit Adleraugen.
#7 Wie scannt Frau einen QR-Code ein?
Wenn mich eine Ausstellung interessiert und ich genügend Zeit habe, lese ich mir alles durch. Und damit meine ich auch wirklich alles. Jeden Fitzel-Text, jede unscheinbare Anmerkung und natürlich mache ich mich auch an allen Hörstationen breit und ziehe mir Filme rein.
Leider bauen immer mehr Museen auf QR-Codes. Du willst mehr wissen? „Dann scanne unseren Code.“ Ja, das ist praktisch. Es spart Platz und Kosten. QR-Codes können quasi überall platziert werden. Als Handys aufkamen, war ich Ende 20. Ja, das ist schon eine Weile her.
Doch Generation Smartphone bin ich immer noch nicht. Weder meine Freundin noch ich wissen, wie man diesen blöden Code einscannt. Unser Gerät ist so alt, dass es das noch nicht von selbst macht.
Aber mit dem Smartphone stehen wir eh auf Kriegsfuß. Es macht nie, was wir wollen. Die Tasten sind zu klein. Um eine SMS zu tippen, brauche ich zehn Minuten. Und wenn ich swipen will, zoome ich oder andersherum.
#8 Wieso gibt’s die Bahncard nicht mehr als Plastikkarte?
Wo wir schon beim Thema sind: Die Bahncard gibt’s auch nur noch digital. Grrrmmmmpppfff! Warum gibt man Smartphone-Verweiger*innen wie uns nicht die Möglichkeit zu einer Plastikkarte? Sind wir Kundschaft zweiter Klasse?
Stattdessen führe ich jetzt ein Din-A4-Blatt mit mir herum.
#9 Wie fährt Frau mit großem Koffer Rolltreppe?
Auch 2026 noch lauern in Bahnhöfen alle möglichen Barrieren. Sie warten quasi darauf, wie sie aus der Ecke springen und einen anfallen können.
Vor drei Jahren bin ich mit einem Koffer auf der Rolltreppe gestürzt. Am Bahnhof Dortmund hatte ich den Aufzug nicht gefunden und blöderweise meinen Koffer nicht wie sonst VOR mich auf das Stahlmonster gestellt.
Mit einer Hand hielt ich ihn fest, bis er nach hinten stürzte und mich mitriss. Treppe für Treppe. Auf einer Rolltreppe allein wieder hochzukommen? Ich hab’s nicht geschafft. Ob’s einer jüngeren Person gelungen wäre? Ich bezweifle es. Wer da mal liegt, wird zum Gerippe – außer ein Mitreisender erbarmt sich. In meinem Fall war’s ein türkischer Rentner, der mir wieder aufhalf und seinen Sohn nach unten schickte, um meinen Koffer auch noch zu bergen.
#10 Wie bekomme ich die Pfannen aus den untersten Fächern?
Immer schon war ich gern beim Campen. Seit 15 Jahren zugegebenermaßen mehr in Mobilhomes als in Zelten. Das ist einfach rückenfreundlicher. Man könnte also sagen: Ich bin diese Art von Hütten gewohnt.
Um in die obersten Fächer von Küchen- und Schlafzimmerschränken zu gelangen und mein Zeug zu verstauen oder etwas zu entnehmen, musste ich mich mit meinen 159 cm schon immer recken und strecken. Oder auf ein „Podest“ steigen.
Seit neuestem sind aber die Fächer ganz unten das Schwierigste. Zuhause habe ich nur noch Ausziehschubladen. Im Mobilheim muss ich in die Knie gehen. Und die machen das nicht mehr mit. Dann halt keine Pfanne!
#11 Wie öffne ich das Marmeladenglas?
Mit Schraubgläsern kämpfe ich schon länger. Manche sind hartnäckiger als andere. Da aber habe ich seit ein paar Jahren MEINE Methode gefunden: Den Deckel sanft mit einem Schraubenzieher anheben. Schon bekomme ich das Ganze mit einer leichten Drehung auf, ohne dass meine Knochen brüllen wie auf dem Schulklo.
Auf die Methode gekommen bin ich allerdings erst, nachdem ich mir beim Anheben eine spitze Schere in den unteren Daumen gerammt hatte. Der Springbrunnen Blut war faszinierend. Ich bekam ihn nicht wirklich gestoppt. Die Apothekerin schon.
#12 Oh Gott, wie komme ich da rein?
Dass Türen für mich ein Problem sind, dürfest du inzwischen schon mitbekommen haben. Auch die Lehrerzimmertür verweigert mir regelmäßig den Eintritt.
Der Schlüssel muss so weit gedreht werden, bis ein leichter Widerstand zu spüren ist. Gegen den ist dann mit Schmackes anzudrücken, bis das Schloss aufgeht. Ich hoffe, du weißt, was ich meine. Besser erklären kann ich das nicht. Schließlich übersetze ich in den Bereichen Wein und Erinnerungskultur und nicht zu Riegel & Co.
Anders gesagt: Ich danke Gott jedes Mal, wenn ein Kollege zur gleichen Zeit wie ich rein will oder gerade einer rauskommt.
#13 Mist, da war noch eine Stufe!
Vor ein paar Wochen habe ich es geschafft, im Dunkeln die eigene Treppe hinunterzustürzen. Wohlgemerkt Stufen, die ich seit etwa 30 Jahren hinunterlaufe. Eigentlich sollte ich wissen: Es sind vier und nicht drei.
Nach einem langen Bürotag wollte ich mir noch etwas Bewegung verschaffen und übersah nachts die letzte Stufe der Außentreppe. Zeit für eine Außenbeleuchtung.
Und nee, die Lampenfunktion des Handys ist keine Alternative. Ich denke, das ist dir nach den Punkten oben klar …
#14 Wie schiebe ich die Tonne raus?
Tonnendienst. Um Hausmeisterkosten nicht aufkommen zu lassen, haben wir die Aufgaben unter den Bewohner*innen aufgeteilt. Ich bin dran mit dem Rausstellen der Tonnen.
Den Plastikmüll in der gelben wuppe ich ohne Problem. Die grüne Papiertonne wird schon schwieriger, wenn sie ganz voll ist. Aber auch das geht noch. Was zur Hölle, haben die lieben Mitmieter*innen aber in die schwarze und braune Tonne gepackt?
Eine Leiche, Ziegelsteine, Dachplatten, mehrere Wurzelstöcke? Ich versuche sie ein paar Grad zu kippen, um sie Richtung Straße ziehen zu können. Das Handgelenk schreit, der Tennisarm ist aktiviert. Die Tonne bewegt sich keinen Zentimeter.
#15 Wie schaffe ich es mit schwerer Tasche zur Arbeit?
Für die Schule habe ich mir aus einem ähnlichen Grund eine Lehrertasche mit Rollen zugelegt. Wenn kein Schnee liegt und der Lehrerparkplatz kein Kopfsteinpflaster hat, super.
Wie ich mit den Öffis zur Schule kommen sollte? Ernsthaft, mit dem ganzen Zeug, das ich mit- oder zurücknehmen muss, wüsste ich nicht wie. Ich könnte damit keinen 20-minütigen Fußmarsch von der Haltestelle zurücklegen. Und ehrlich gesagt, wäre ich nach einer Fahrt mit 100 Schüler*innen im selben Bus am Morgen auch zu k.o.
#16 Wie gelange ich in nicht-barrierefreie Räume?
Unterrichten in nicht-barrierefreien Räumlichkeiten ohne Aufzug? Inzwischen an den meisten Tagen auch ein No-Go.
Mal machen die Knie nicht mit, mal der beidseitige Tennisarm, mal die Puste (ich erspare euch die Erklärung). Nö, ich bin nicht total unsportlich. Ich mache sogar acht Stunden Sport pro Woche.
#17 Der Angriff auf die Ohrmuschel
Irgendein Event, eine Konferenz oder ein Vortrag? Das Klatschen meiner Zeitgenoss*innen hören zu müssen, war schon immer ein frontaler Angriff auf meine Ohrmuschel. Vor allem, wenn der Hintermann oder die Hinterfrau genau auf meiner Ohr-Höhe die Hände zusammenschlägt.
Ich bekomme dann sehr schnell den Eindruck, dass irgendetwas tief in mir am Zerbersten ist. Früher habe ich das nach dieser Attacke auf meine Gehörgänge recht schnell weggesteckt. Heute muss ich raus aus dem Raum, bevor die Klatscherei losgeht.
Ansonsten verpufft meine Energie wie mit einem Zauberstab und ich schleppe mich quasi auf allen Vieren nach Hause.
#18 Allergene: gerade noch überlebt
Fast seit ich denken kann, bin ich Allergikerin. Manche Allergien haben im Laufe des Lebens nachgelassen, andere sind dazugekommen. Bei Lebensmitteln muss ich aufpassen wie ein Luchs. Deshalb studiere ich im Supermarkt jede Verpackung. Im Restaurant und in der Bäckerei weise ich immer auf meine Hauptallergien hin.
Nun, in den letzten Monaten bin ich zweimal hereingefallen. Auf Verpackungen aus Deutschland und Österreich habe ich mehrmals Zutaten übersehen. Wieso? Die Gründe lassen sich in ein paar einfache Worte fassen: Schrift zu klein, Kontrast zu schwach, durchsichtige Verpackung.
An einen Hersteller habe ich mich deshalb gewandt. Der reagierte pampig. Es stehe doch drauf. Ähm ja, aber halt nicht lesbar.
#19 In der Versenkung verschwunden
2026 bin ich wortwörtlich zweimal in der Versenkung verschwunden. Einmal im Kino. Unter dem roten Teppich der Eingangshalle einer großen Kinokette hatte ich eine etwa 30 Zentimeter mal 50 Zentimeter große und etwa 1,5 Zentimeter tiefe Unebenheit übersehen. Entstanden war sie vermutlich durch einen Wasserschaden in Heizungsrohren, gekennzeichnet war sie nicht. Damit sich da was tat, musste erst ein juristisch versierter Bekannter vorbeischauen. Gelenk verstaucht, eine ältere Person hätte sich vielleicht etwas gebrochen.
Das zweite Loch befand sich auf einem Gehweg. Maskiert wurde es durch Unmengen an Laub, die der Pächter der angrenzenden Anlage nicht entfernt hatte. Ja, dieses Schlagloch hätte auch eine jüngere Person übersehen, denn es war ja mit Blättern gefüllt und überdeckt …
#20 Bitte tragen Sie Ihre Kennnummer ein
Formulare waren noch nie meine Freunde. Deshalb übersetze ich sie auch nicht. Was für eine Kennnummer denn jetzt? Die Steuernummer, die Kindergeldnummer, die Rentenversicherungsnummer …?
EINE Nummer soll rein. Ich weiß absolut nicht welche und trage DREI ein, von denen es wahrscheinlich eine ist. In der Erklärung im Beiblatt steht dazu auch nichts.
Möglich ist das auch nur, weil ich den Antrag händisch ausfülle. Am PC könnte ich nicht plötzlich mit drei Nummern aufschlagen, wo nur eine gefragt ist.
#21 Schnell eine Kehrschaufel? Nein!
In der Küche beim Einfüllen Reis oder Haferflocken verschüttet? Schnell mal eine Schaufel und einen kleinen Besen holen und das Ganze unkompliziert zusammenkehren?
Mein Knie ruft: “Nein!” Heute will es sich nicht bücken müssen. Die Sehnenansätze sind entzündet. Funfact: von zu viel Sport 😂
Barrieren im Alter
Ein paar Punkte habe ich sicher übersehen. Aber schon diese 21 geben dir sicher einen Einblick davon, was mit fortschreitendem Alter so auf einen zukommen kann. Einiges ist dir sicher auch schon in jüngeren Jahren begegnet, wie zum Beispiel unverständliche Formulare.
Barrierefreiheit ist für alle gut. Die einen brauchen sie früher, die anderen später. Für alle, auch Gesunde ist das Leben angenehmer, wenn es so wenige Barrieren wie möglich gibt und wenn man ab und zu auf Verständnis stößt. Mit Texten in Leichter Sprache und Einfacher Sprache sorge ich für mehr sprachliche Inklusion, also, wenn’s nicht im Formulare geht …
Foto: © Andrea Halbritter





