Anja Tuckermann: „Denk nicht, wir bleiben hier!“ (Rezension)

Tafel mit der Aufschrift "Teamwork" und in verschiedenen Farben aufgemalten Personen

In „Denk nicht, wir bleiben hier!“ erzählt Anja Tuckermann die Verfolgungsgeschichte von Hugo Höllenreiner. Dazu unterhielt sie sich zu Beginn der 2000er Jahre über 14 Monate immer wieder mit dem Sinto. Was er in zwölf Jahren NS-Diktatur erlebt hat, schildert die Autorin in der dritten Person. Dazwischen finden sich – in Fettdruck – kürzere oder längere Zitate aus den Erzählungen von Höllenreiner. Am Ende des Romans erwartet die Leser*innen außerdem eine neun Seiten umfassende Zeittafel. Diese enthält Daten aus dem Leben der Familie sowie andere Ereignisse, die für Sinti und Roma wichtig waren.

Rezension: „Denk nicht, wir bleiben hier!“ (Anja Tuckermann)

Hugo Höllenreiner wird im September 1933 in München geboren und wächst im Stadtteil Giesing auf. Sein Vater betreibt einen Pferdehandel und ein kleines Fuhrunternehmen. Im Alter von neun Jahren wird Hugo mit seinen Eltern, fünf Geschwistern und weiteren Verwandten deportiert. Die Nazis verschleppen die Familie in das „Zigeunerlager“ von Auschwitz-Birkenau.

Optimistisch bleiben, um zu überleben

Sehr detailliert beschreibt Anja Tuckermann, wie es dem Sinto und seinen Verwandten dort ergeht. Im Lager herrschen Hunger, Gewalt und miserable hygienische Zustände. Hugos Vater und auch seine Mutter werden immer wieder von der SS misshandelt. Doch die Mama ermahnt ihren Sohn regelmäßig, optimistisch zu bleiben: „Denk nicht, wir bleiben hier!“

Obwohl die SS mehrere Kinder tötet, mit denen Hugo sich anfreundet, und er schnell begreift, dass es in Auschwitz zu Massenvergasungen kommt, gelingt ihm dies. Bereits wenige Monate nach ihrer Ankunft versterben mehrere Verwandte des jungen Sinto in Auschwitz.

Anfang August 1944 wird Hugo mit mehreren Angehörigen in das KZ Ravensbrück verschubt. Sieben Monate später geht es für Hugo, seine Mutter und vier seiner Geschwister weiter nach Mauthausen. Dort wird der inzwischen 10-Jährige von seinen Verwandten getrennt …

Die Diskrimination von Sinti und Roma geht weiter …

Das Buch „Denk nicht, wir bleiben hier“ führt den Leser*innen die Hölle von NS-Konzentrationslagern schonungslos vor. Und gerade deshalb sollte diese Biografie von möglichst vielen gelesen werden. Sie bleibt außerdem nicht bei der Befreiung „stehen“, sondern zeigt, wie Sinti und Roma auch danach noch über Jahrzehnte diskriminiert wurden. Für das Unrecht in der Nazizeit entschädigt zu werden, war ebenfalls ein schwieriges bis unmögliches Unterfangen.

Zu empfehlen ab 16 Jahre (und für Erwachsene)

Ein paar der letzten Sätze im Buch sind: „Ich kann für die Toten nicht vergeben. Ich kann nicht für die Toten sprechen.“ Empfehlen würde ich dieses Buch ab 16 Jahren – auch wenn Verlage es schon ab 12 Jahren empfehlen. In Auszügen eignet sich die Lebensgeschichte des Hugo Höllenreiner sicher auch für den Unterricht.

Anja Tuckermann: „Denk nicht, wir bleiben hier!“ Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner.  München/Wien 2005, 303 Seiten

Frau mit schulterlangen blonden Haaren und grauen Strähnen, blauen Augen, Brille und grauem Mantel

Andrea Halbritter

Andrea Halbritter ist Nachfahrin von politisch Verfolgten des Naziregimes. Drei Mitglieder ihrer Familie waren im “Dritten Reich” im Polizeigefängnis Augsburg und/oder im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Als Übersetzerin vom Französischen ins Deutsche sowie vom Standarddeutschen in Leichte und Einfache Sprache arbeitet die Germanistin und Romanistin unter anderem im Bereich Erinnerungskultur.

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