Warum Übersetzer*innen auch Eigennamen berechnen

Tafel mit der Aufschrift "Teamwork" und in verschiedenen Farben aufgemalten Personen

Warum Übersetzer*innen auch Eigennamen berechnen

Übersetzer*innen berechnen ihre Leistungen je nach Person, Land, Sprachkombination und Gebiet nach Zeilen, Wörtern, Seiten, Zeichen oder Zeitaufwand. Manche Übersetzer*innen übermitteln Kund*innen auch einen Projektpreis. In jedes Angebot fließen außerdem Variable, wie Lieferfrist oder Schwierigkeitsgrad des Textes, ein.

Kund*innen, die ein Angebot pro Ausgangswort erhalten, das heißt, deren Preis sich nach der Anzahl der im zu übersetzenden Text enthaltenen Wörter richtet, sind mitunter überrascht, dass auch Eigennamen berechnet werden.

Was versteht man unter Eigennamen?

Eigennamen bilden eine eigene Klasse von Wörtern. Wie Konkreta auch haben Eigennamen eine Benennungsfunktion.

Zu Eigennamen zählen zum Beispiel Personennamen (Vor-, Familien-, Bei-, Spitznamen, Pseudonyme …), Ortsnamen (Dörfer-, Städte-, Gewässer-, Flur-, Ländernamen, Namen von Himmelskörpern …), Namen von Institutionen, Produktnamen, Namen von Ereignissen (Zweiter Weltkrieg, Punische Kriege …).

Weshalb werden in einer Übersetzung auch Eigennamen berechnet?

1. Geografische Namen

Geografische Namen unterscheiden sich häufig in ihrer SchreibweiseMünchen zum Beispiel ist im Französischen und Englischen Munich, im Italienischen Monaco und im Spanischen Múnich. Die Donau wiederum wird im Französischen und Englischen zu Danube, im Spanischen und Italienischen zu Danubio. Deutschland ist auf Französisch Allemagne, auf Englisch Germany, auf Italienisch Germania und auf Spanisch Alemania.

Bei unbekannteren geografischen Namen können für Übersetzer*innen außerdem Recherchen nötig werden, um abzuklären, ob der entsprechende Name übersetzt werden muss oder ob er aus der Ausgangssprache in einer Eins-zu-Eins-Entsprechung übernommen werden kann. Teils existieren für einen Namen in der Zielsprache auch unterschiedliche Varianten, so dass abgewägt werden muss, welche Variante für den Zieltext passender ist.

Bei Straßennamen wird man in der Regel auf eine Übersetzung verzichten. Will man, dass sich Besucher*innen in einer fremden Stadt zurechtfinden, macht es zum Beispiel wenig Sinn, wenn Übersetzer*innen rue des Pivoines im Deutschen mit Pfingstrosenstraße wiedergeben. Als Ausnahme kann man hier beispielsweise den Rathausplatz nennen, den Tourist*innen vermutlich auf jeden Fall vor dem Rathaus suchen werden, wobei es trotzdem hilfreich sein kann zu wissen, wie man Rathaus auf Englisch, Französisch, Spanisch oder Niederländisch sagt.

2. Vor- und Familiennamen

Übersetzer*innen von Biografien, von Ausstellungstexten für Museen, von Reiseführern, Sachbüchern oder juristischen Dokumenten werden besonders oft mit Vor- und Familiennamen konfrontiert. Vor allem seltene Familiennamen, Namen aus anderen Kulturen oder Namen, die in ähnlichen Schreibweisen vorkommen, erfordern hier die besondere Aufmerksamkeit.

Im Deutschen sind dies zum Beispiel Schmidt : Schmitt : Schmid : Schmied : Schmidt oder Mayr : Mair : Meir : Meier : Meyr : Meyer : Mayer.

Bei Vor- und Familiennamen, die ursprünglich in einer anderen Schrift, wie zum Beispiel Kyrillisch, geschrieben werden, wählen Übersetzer*innen in nichtliterarischen Texten in der Regel eine Transliteration. Das heißt, sie nehmen eine buchstabengetreue Übertragung des Namens in das Alphabet der Zielsprache vor, welche gewährleistet, dass die Aussprache des Namens in der Übersetzung der Aussprache im Ausgangstext ähnelt.

Bei Neuübersetzungen zum Beispiel von literarischen Werken können jedoch auch kulturspezifische Übertragungen von Namen angebracht sein, das heißt, der Vor- oder Nachname wird in der Zielsprache durch einen Namen mit vergleichbarer Bedeutung ersetzt.

3. Namen von Institutionen

Bei der Wiedergabe von Namen von Institutionen stehen Übersetzer*innen in der Regel mehrere Optionen zur Verfügung. Meist werden sie bei der Übersetzung von Institutionen auch Rücksprache mit Kund*innen halten und eine Empfehlung abgeben.

Generell gibt es die Möglichkeit, die Namen von Institutionen im Zieltext in der Sprache des Ausgangstextes beizubehalten und in Klammern eine Übersetzung vorzunehmen. Sinnvoll ist dies zum Beispiel in Reiseführern.

Möchten deutsche Tourist*innen beispielsweise in einer Gemeinde in Frankreich ein bestimmtes Museum besuchen, sollte der Name dieses Museums in einem Führer auch auf Französisch verzeichnet sein.

Dies erleichtert die Suche vor Ort, da Straßenschilder meist nur die Landessprache aufweisen und Besucher*innen so wissen, nach welchem Namen sie auf Französisch “Ausschau halten” müssen.

Was den deutschen Namen des Museums betrifft, werden Übersetzer*innen recherchieren, ob es diesen zum Beispiel auf der Website des betreffenden Museums bereits gibt und dann denselben Namen verwenden.

Existiert ein solcher Name noch nicht, wird der*die Sprachmittler*in selbst eine Übersetzung vornehmen. Je nach Zielgruppe, Intention des Textes usw. sind bei manchen Institutionen vielleicht auch zusätzliche Erläuterungen in der Zielsprache nötig.

4. Namen von Speisen

Ähnlich verhält es sich bei der Übersetzung von lokalen Spezialitäten. Übersetzt man zum Beispiel eine elsässische Speisekarte ins Deutsche oder Englische, wird man oft nicht umhin kommen, in der Zielsprache kurz zu erläutern, worum es sich bei baeckeoffefleischnakas oder Bibeleskaes handelt. Ebenso wenn man eine bayerische Speisekarte mit DampfnudelnKässpatzn oder Obatzda auf Französisch, Englisch oder Italienisch formulieren will.

5. Titel von Werken

Liegen dem*der Übersetzer*in Titel von Werken (Romanen, Filmen, Opern…) vor, macht es Sinn, diese in die Zielsprache zu übertragen, so in der Zielsprache bereits entsprechende Übersetzungen existieren und diese geläufig sind. Der fliegende Holländer von Richard Wagner ist im Französischen zum Beispiel unter Le Vaisseau fantôme bekannt, Die Meistersinger von Nürnberg unter Les Maîtres chanteurs de Nuremberg.

6. Das “Übersetzer*innen-Kamasutra”

Selbst wenn in manchen Texten von vornherein klar ist, dass Eigennamen nicht zu übersetzen sind und ihre Schreibung in manchen Fällen vielleicht auch keine besondere Aufmerksamkeit erfordert, so müssen Eigennamen aus dem zu übersetzenden Text trotzdem im Zieltext platziert werden. Dies bedeutet, der*die Übersetzer*in muss auch überlegen, wo er*sie diese im Satz einbaut. Während der Satzbau in manchen Sprachen relativ fest ist, ergeben sich zum Beispiel im Deutschen eine Vielzahl an Stellungsmöglichkeiten:

“Madagaskars höchstes touristisches Gut ist die Einzigartigkeitsrate seiner Natur, die für die Fauna 80 % und für die Flora 90 % beträgt.”

“Die für die Fauna 80 % und für die Flora 90 % betragende Einzigartigkeitsrate ist Madagaskars höchstes touristisches Gut.”

“Das höchste touristische Gut Madagaskars ist die Einzigartigkeit seiner Natur, die für die Fauna 80 % und für die Flora 90 % beträgt.”

Für welche Stellung sich der*die Übersetzer*in entscheidet, hängt zum einen vom Kontext, also von der Stellung der Sätze ab, die den entsprechenden Satz umgeben. Manche Texte (wie zum Beispiel Beschreibungen in Reiseführern, Reportagen oder Politikerreden) erfordern mehr Abwechslung als andere. Parallelismen, also ein gleicher Satzbau, werden hier höchstens in ausgewählten Passagen als besonderes Stilmittel eingesetzt.

Zudem müssen Eigennamen – je nach Sprache und Kontext – auch dekliniert werden. Im Deutschen müssen Übersetzer*innen außerdem entscheiden, ob sie bei einem Besitzverhältnis (oder vergleichbaren Angaben) einen Genitiv wählen oder diesen mit von + Dativ umschreiben:

“Die sächsische Heimat Wagners wurde zu Zeiten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation von einem Kurfürsten regiert, wobei zwei der Herrscher im 18. Jahrhundert, August I. sowie August II., auch Könige von Polen waren.”

“Die sächsische Heimat von Richard Wagner wurde (…)”

“Wagners sächsische Heimat wurde (…)”

Wählt der*die Übersetzer*in einen Genitiv, ergibt sich im Deutschen häufig auch die Frage nach einer Voran- oder Nachstellung der Genitivergänzung. Überlegt werden kann auch, ob nur der Nachname erwähnt wird oder auch der Vorname.

Fazit:

Eigennamen haben es durchaus in sich und verursachen im Rahmen einer Übersetzung häufig sogar einen größeren Zeitaufwand als andere Wortarten.

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Andrea Halbritter

Andrea Halbritter ist Germanistin mit 2. Staatsexamen und vom Netzwerk Leichte Sprache e. V. zertifiziert. Sie erstellt Texte in Leichter und Einfacher Sprache für NS-Gedenkstätten, Museen, politische Parteien und Gesundheitsbehörden. In den Sprachrichtungen Französisch-Deutsch und Englisch-Deutsch übersetzt Andrea vor allem im Bereich Wein.

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