Als das Cover von „Klassenfoto 1937“ auf Social Media an mir vorüberzog, war ich sofort gespannt. Worum ging es in dem Buch von Milz und Schneidawind? Bereits der Untertitel gibt Aufschluss: „Die Geschichte einer jüdischen Schulklasse“.
Erzählt wird die Geschichte von 48 Jungen und Mädchen, die im Jahr 1937 im Alter von acht oder neun Jahren die jüdische Schule in München besuchten. 37 davon haben den Holocaust überlebt, den anderen elf ist „Klassenfoto 1937“ gewidmet.
Rezension: „Klassenfoto 1937“ (Milz/Schneidawind)
Das Buch ist das Ergebnis eines Projekts der Ludwig-Maximilians-Universität, in dessen Verlauf Studierende die Geschichte der jüdischen Schulklasse erforschten. Kristina Milz und Julia Schneidawind haben die Erkenntnisse zu „Klassenfoto 1937“ zusammengefasst.
Der Aufbau von „Klassenfoto 1937“
Unterteilt ist das Werk in einen 13-seitigen Prolog, in die jeweils etwa 100 Seiten umfassenden Teile „Leben“, „Überleben“ und „Weiterleben“, einen Epilog und eine Übersicht mit kurzen Texten zu den Lebensläufen der einzelnen Kinder. Danach folgen Anmerkungen, Quellen- und Bildnachweis, Personen- und Ortsverzeichnis.
Die Teile „Leben“, „Überleben“ und „Weiterleben“ erzählen von den Schicksalen ausgewählter Kinder: Margot, Marion, Sigi, Bertel, Mella, Rali, Paul und Hugo. Über alle Kinder informiert das Buch ab Seite 349.
Flucht und Verschleppung
Uruguay, Argentinien, Türkei, USA, Australien, Palästina, Kindertransport nach UK … Den meisten gelingt rechtzeitig die Flucht. Andere werden nach Kaunas deportiert, in das Chaos von Izbica geworfen oder nach Auschwitz verschleppt. „Klassenfoto 1937“ gibt auch Antworten auf die Frage: Warum emigrierten viele so spät, obwohl sich ihnen vorher Gelegenheiten boten?
„Klassenfoto 1937“: Sätze, die in Erinnerung bleiben
Die Leser*innen erwarten sehr unterschiedliche Lebensgeschichten. Einige Sätze bleiben nach der Lektüre nachhaltig in Erinnerung:
„Lieber Gott, wo warst du, als all die anderen Kinder dich brauchten?“
„Kinder sind unverwüstlich, solange man sie nicht umbringt.“
„Wir müssen wachsam sein, damit der Faschismus, der viele Gesichter trägt, nie wieder sein grausiges Haupt erhebt.”
“Sigi weiß noch nicht, dass der Platz ‘Rampe‘ genannt wird.“
Ein breiter Blick auf jüdisches Leben und den Holocaust
„Klassenfoto 1937“ ist gut verständlich geschrieben. Die einzelnen Schicksale bringen Milz und Schneidawind den Leser*innen anschaulich nahe. Auch weil sie beschreiben, wie die Familien vor der Verfolgung durch die Nazis gelebt haben. Die Kinder kommen aus sehr unterschiedlichen Milieus, aus gut bürgerlichen Familien mit Hausangestellten, aber auch aus recht bescheidenen Verhältnissen. Ein breiter Blick in das jüdische Leben in München also!
Manche der Kinder stammen aus Mischehen. Hier erhalten die Leser*innen Einblicke in Konflikte zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Elternteilen: Wie sollen die Kinder angesichts der Bedrohung durch die Nazis erzogen werden?
„Klassenfoto 1937“: ein erschütterndes Werk
Immer wieder integriert sind Fotos, Tagebuchaufzeichnungen, Briefe und Postkarten. Die Abschiede von Familien und Mitschüler*innen erschüttern, ebenso die massive Verschlechterung der Lebensumstände: der erzwungene Auszug aus komfortablen Wohnungen in Sammelunterkünfte, der Neubeginn unter schwierigsten Verhältnissen, das Verhungern im Ghetto, die Trennung von Familien.
„Ganz normale“ Kinder …
Die jüdische Volksschule erscheint zunächst als Schutzraum, der nach dem Novemberpogrom 1938 aber immer mehr bröckelt. Bei den Jungen und Mädchen handelt es sich um Kinder, wie sie auch heute in unseren Schulen sitzen: kleine Menschen mit Vorlieben, Ängsten, Fehlern, Träumen … Nicht makellos, sondern normal. Manche mögen sich und spielen zusammen, andere kommen weniger gut miteinander aus.
Die Geschichte eines Verlusts
Weiter positiv: Die Leser*innen erfahren auch, wie die Betroffenen als Erwachsene mit ihren traumatischen Erfahrungen umgehen. Gleichzeitig zeigt das Buch, dass die ermordeten Mitschüler*innen ähnliche Leben hätten führen können. Damit ist das Werk auch die Aufzeichnung eines großen Verlusts. Was wäre wohl aus Bertel, Erich, Esther, Günter, Harald, Inge, Jackie, Manfred, Margot, Menni und Susi geworden, wären sie nicht von den Nazis ermordet worden?
Lerneffekt für heute: Niemand ist davor gefeit, verfolgt zu werden. Gerade jetzt sollten wir wachsam bleiben und nicht vergessen, was war.
Absolute Leseempfehlung für „Klassenfoto 1937“
Ich habe das Buch mit großem Interesse gelesen – allerdings nicht so, wie es von den Autorinnen beabsichtigt war. Der vorgegebenen Struktur zu folgen, fand ich für mich nicht passend. Ich beschloss daher nach etwa 60 Seiten, die einzelnen Lebensgeschichten in ihrer Gänze nacheinander zu lesen: zuerst die von Margot, dann die von Bertel, die von Sigi usw. Das erforderte etwas Blättern, war aber gut machbar.
Insgesamt: absolute Leseempfehlung für „Klassenfoto 1937“.





