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Buchtipp Erinnerungskultur: Grit Poppe: Weggesperrt

Buchtipp Kalter Krieg DDR

Buchtipp Erinnerungskultur: Weggesperrt

Mein Buchtipp zur Erinnerungskultur befasst sich dieses Mal nicht mit der Zeit des Nationalsozialismus, sondern mit der des Kalten Krieges.

Als Anjas Mutter 1988 in der DDR einen Ausreiseantrag stellt, wird sie von der Stasi verhaftet. Ihre 14-jährige Tochter wird zunächst in ein sog. D-Heim, ein Durchgangsheim der Jugendhilfe, gebracht.

Im Heim muss sie Bilderrahmen zusammenstecken und hat näheren Kontakt zu Tom, einem Jungen, der dafür bekannt ist, dass er schon mehrmals aus staatlichen Einrichtungen ausgebrochen ist. Da Kontakte zwischen Jungs und Mädchen verboten sind, werden beide zur Strafe eine Nacht in separaten Kellerzellen eingesperrt und am nächsten Tag verlegt.

Anja kommt in einen Jugendwerkhof, der in einer alten Burg untergebracht ist. Dort kann sie zwischen mehreren Ausbildungen wählen und entscheidet sich für eine Tätigkeit in der Küche.

Flucht statt Umerziehung

Kurz vor Weihnachten gelingt ihr während einer Nacht die Flucht. Sie schafft es, sich per Anhalter und Zug bis nach Erfurt zu Verwandten durchzuschlagen. Besonders ihr Onkel ist von ihrem Besuch nicht begeistert, versteckt sie aber trotzdem.

Am besten versteht sich Anja mit ihrer Tante sowie ihrem Cousin Kilian, der Poesie über alles liebt und ihr zu Weihnachten ein zerfleddertes Buch mit Gedichten von Rilke schenkt.

Ein paar Tage nach dem Fest macht sich Anjas 5-jährige Cousine Sylvi in Abwesenheit ihrer Eltern mit ihrer Puppe auf einen Spaziergang, von dem sie nicht zurückkehrt. Anja ist beunruhigt. Da Kilian nicht gestört werden will, macht sie sich selbst auf die Suche nach dem kleinen Mädchen und spricht unterwegs einige Passanten und Nachbarn an, was der Stasi natürlich nicht verborgen bleibt.

Doppelt bestraft

Kurze Zeit später wird sie zurück auf den Jugendwerkhof verbracht, wo sie doppelt bestraft wird: Zunächst von den Erziehern, die sie für eine bestimmte Zeit in eine Einzelzelle sperren, und dann von Mädchen ihrer Gruppe.

Dafür, dass Anja geflohen war, waren nämlich zunächst die anderen Schülerinnen bestraft worden. Als sie nach ihrem Einzelarrest duscht, geht plötzlich das Licht aus und etwa fünf Jugendliche schlagen sie grün und blau.

Um einigermaßen über die Runden zu kommen, entschließt sich Anja, nicht weiter aufzufallen und sich dem zu beugen, was von ihr erwartet wird. Eine nochmalige Flucht kommt für sie insbesondere im Winter nicht in Frage.

DDR Gefängnis

Ein anderes Relikt aus dem Kalten Krieg: das Untersuchungsgefängnis in Potsdam

Anja rastet aus

Nachrichten von ihrer Mutter hat sie seit deren Verhaftung schon nicht mehr bekommen und wartet jeden Tag auf einen Brief. Die für Anja zuständige Erzieherin erweist sich v. a. bei der Verteilung von Post als sehr sadistisch. Lediglich einem jungen Lehrer, der kurze Zeit als Vertretung auf der Burg arbeitet, vertraut Anja. Er gibt ihr auch den Gedichtband zurück, den man ihr nach ihrer Rückkehr in den Jugendwerkhof als faschistische Literatur abgenommen hat.

Eine Weile geht alles gut, bis Anjas Erzieherin, Frau Dobel, einen Umschlag in der Hand hält, auf dem das Mädchen die Handschrift ihrer Mutter erkennt. Frau Dobel weigert sich, Anja den Umschlag zu geben, und die Situation eskaliert. Die Jugendliche greift sich einen Stuhl und schlägt der Erzieherin damit auf den Kopf. Frau Dobel blutet, Anja greift sich den Umschlag, doch dieser ist leer.

Der Direktor des Werkhofs wertet den Angriff als “terroristischen Akt”. Anja wird nach Torgau verbracht, wo sie Gonzo wiedertrifft, die sie aus dem D-Heim kennt. In Torgau ist die Willkür der Erzieher noch größer. Es herrschen Gewalt und Drill sowie Arbeit und Sport bis zum Umfallen.

Nach einem Sturz muss Anja ins Krankenhaus, von dem sie flüchten kann. Wenig später setzt in der DDR die Friedliche Revolution ein …

 

Buchtipp Erinnerungskultur: meine Meinung zum Buch

Erinnerungskultur mal anders. Die Geschichte von Anja wurde von Grit Poppe frei erfunden. Durchgangsheime, Jugendwerkhöfe und der Geschlossene Jugendwerkhof in Torgau existieren zu Zeiten der DDR jedoch tatsächlich. Sie waren v. a. dazu da, unangepasste Kinder und Jugendliche umzuerziehen. Das Jugendbuch ist auch für Erwachsene spannend zu lesen. Empfehlen würde ich es für Kids ab ca. 12 Jahren, wobei etwas geschichtliches Hintergrundwissen vorhanden sein sollte. Am Ende des Buches stellt die Autorin eine kurze Chronik über die Friedliche Revolution in der DDR sowie ein Glossar zur Verfügung, in dem Begriffe, wie Kollektiv, Eingabe, FDJ oder Ausreiseantrag erklärt werden.

Grit Poppe: Weggesperrt. Hamburg 2018, ISBN 978-3-8415-0056-4, 332 Seiten

 

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Fotos: © Andrea Halbritter

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