Götz Aly: „Eine von so vielen“ (Rezension)

Tafel mit der Aufschrift "Teamwork" und in verschiedenen Farben aufgemalten Personen

Diese Woche war ich zur Verleihung des Marion-Samuel-Preises in der neueröffneten Schotte 4 der Halle 116, eines ehemaligen KZ-Außenlagers in Augsburg, eingeladen. Den Preis hat die Stifterfamilie Seinsch nach einem zufällig ausgewählten Opfer des Holocaust benannt: Marion Samuel, geboren 1931 in Auswalde, ermordet 1943 in Auschwitz.

Götz Aly, Journalist und Historiker sowie einer der Preisträger des Marion-Samuel-Preises, will mehr wissen: Wer war das Mädchen, das als „verschollen“ in Auschwitz gilt? Das Ergebnis ist ein 174-seitiges, erschütterndes Buch, das zeigt, dass 50 Prozent der Männer, Frauen und Kinder eines im August 1937 aufgenommenen Familienfotos wenige Jahre später von den Nazis ermordet wurden. Meine Rezension zu „Eine von so vielen – Das kurze Leben der Marion Samuel 1931–1943“ kannst du hier nachlesen.

Rezension zu „Eine von so vielen“ (Götz Aly)

In mühevoller Kleinarbeit beleuchtet Götz Aly das kurze Leben von Marion Samuel und das ihrer Verwandten. Er versucht, Menschen zu finden, die sie gekannt haben. Schließlich kann er einige Informationen zusammenstellen, die das zunehmende Dahinvegetieren der Familie Samuel unter dem Naziregime zeigen. Nur wenigen Familienmitgliedern gelingt es, sich in die USA zu retten. Helene Samuel schützt ihre „privilegierte Mischehe“ mit dem christlichen Ladenbesitzer Franz Pohl vor der Deportation. Die anderen leben in beständiger Angst vor einem „schwarzen Loch“, das sie verschluckt, wie es Marion einer Mitschülerin gegenüber formuliert.

Akribisch zeigt Götz Aly in „Eine von so vielen“, wie der Staat an der Auslöschung der Juden verdient und den Zweiten Weltkrieg finanziert: durch den Verkauf von Wohnungseinrichtungen, Kleidung, Immobilien; eine wesentliche Erhöhung der Sozialabgaben für jüdische Arbeitnehmende; die Versorgung von Bedürftigen mit jüdischem Eigentum; Reichsfluchtsteuer … Mit seinem Werk legt er dar, was auch Gerichtsvollzieher, Verwaltungsbeamte, Lokführer und andere “Rädchen“ zu verantworten haben.

Ein berührendes Buch über den Holocaust

Das Buch enthält einige Fotos der Familie sowie zahlreiche Dokumente, wie eine Karteikarte für jüdische Schüler*innen, ein Aquarell eines nicht mehr existierenden jüdischen Friedhofs, Schreiben von Behörden, Transportlisten – manche leider für mich etwas zu klein.

Eine berührende, individuelle Geschichte eines kleinen Mädchens und seiner Familie, das bis ins erschreckendste Detail veranschaulicht, wie die Nazis den Holocaust organisierten und vollzogen. „Eine von so vielen“ liest sich schnell, wird den meisten Leser*innen aber sicher unvergesslich bleiben.

Götz Aly: Eine von so vielen – Das kurze Leben der Marion Samuel 1931­–1943. Frankfurt am Main 42025, S. Fischer Verlag, 174 Seiten, 12 €
 

Frau mit schulterlangen blonden Haaren und grauen Strähnen, blauen Augen, Brille und grauem Mantel

Andrea Halbritter

Andrea Halbritter ist Nachfahrin von politisch Verfolgten des Naziregimes. Drei Mitglieder ihrer Familie waren im “Dritten Reich” im Polizeigefängnis Augsburg und/oder im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Als Übersetzerin vom Französischen ins Deutsche sowie vom Standarddeutschen in Leichte und Einfache Sprache arbeitet die Germanistin und Romanistin unter anderem im Bereich Erinnerungskultur.

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