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Wie leicht verständlich sind genderneutrale Begriffe?

Zeichnung Baum mit vielen Kindern unterschiedlichen Geschlechts

Gendern ist in aller Munde und führt im Netz immer wieder zu heftigen Diskussionen. So auch vor ein paar Wochen, als ich behauptet habe, dass es nicht wirklich möglich ist, barrierefrei zu gendern. Warum ich dieser Ansicht bin, kannst du in meinem Artikel Wie gendert man in Leichter bzw. Einfacher Sprache? nachlesen.

Dass Gendersternchen, Binnen-I und andere Sonderzeichen nicht unbedingt barrierefrei sind, war den meisten Diskussionsteilnehmer*innen ziemlich schnell klar. Jedoch war die überwiegende Mehrheit der Meinung, dass es sich mit der Barrierefreiheit bei neutralen Formulierungen anders verhalte.

Wenn du diesen Artikel weiterliest, erfährst du, ob genderneutrale Begriffe wirklich leicht verständlich sind.

Wie leicht verständlich sind genderneutrale Begriffe?

Insbesondere Menschen, die Leichte Sprache benötigen, brauchen leichte Wörter. Wer also verstehen will, ob genderneutrale Begriffe barrierearm beziehungsweise sogar barrierefrei sind, sollte sich erst einmal ansehen, was ein leichtes Wort ausmacht.

Leichte Wörter sind vor allem häufig, kurz und stilistisch unauffällig. Sie kommen ohne sprachliche Bilder und Nebenbedeutungen aus und werden früh erlernt. Mehr über leichte Wörter verrate ich dir in meinem Artikel Leichte Sprache: Wie man leichte Wörter erkennt.

 

Leicht verständliche, barrierefreie genderneutrale Begriffe

Genderneutrale Begriffe sind dann leicht verständlich, wenn es sich bei ihnen um leichte Wörter handelt. Beispiele für barrierefreie genderneutrale Substantive sind Menschen, Personen oder Leute. Diese geschlechtsneutralen Begriffe sind relativ kurz und vor allem weit verbreitet. Sie werden von Muttersprachler*innen früh erlernt und bereiten auch beim Lesen keine größeren Schwierigkeiten.

Weitere Beispiele für leicht verständliche genderneutrale Begriffe sind:

  • Feuerwehr statt Feuerwehrmänner (ersteres ist außerdem das leichtere Wort, da kürzer)
  • Pflegekraft statt Krankenpfleger
  • Abgeordnete statt Parlamentarier (Plural)
  • Polizei statt Polizisten
  • Post statt Postbote (abhängig vom Kontext)

 

Barrierearme genderneutrale Begriffe, die mit Erklärung verwendet werden können

Ein genderneutraler Begriff ist auch Geflüchtete. Da Flüchtlinge negativ konnotiert ist, wird es auch im mündlichen Sprachgebrauch immer öfter durch Geflüchtete ersetzt. In Leichter Sprache sollte dennoch eine Erklärung erfolgen, da nicht davon ausgegangen werden kann, dass alle Mitglieder der Zielgruppe genau wissen, was Geflüchtete sind beziehungsweise warum Geflüchtete aus ihrem Land geflohen sind. Ich gebe daher in Leichter Sprache immer eine Erklärung in Form von zwei bis drei Sätzen und veranschauliche die Bedeutung mit Leichte-Sprache-Bildern.

 

Schwer verständliche geschlechtsneutrale Begriffe

Wie sieht es mit anderen geschlechtsneutralen Formulierungen aus? Zahlreiche Vorschläge für genderneutrale Begriffe finden sich auf dem Portal geschickt gendern.

Für das Standarddeutsche werden immer wieder genderneutrale Partizip-Präsens-Formen vorgeschlagen, so zum Beispiel:

  • Studierende statt Studenten
  • Lehrende statt Lehrer
  • Designschaffende statt Designer
  • Dichtende Person statt Dichter
  • Einbrechende Person statt Einbrecher
  • Rad Fahrende statt Radfahrer
  • Fahrzeugführende statt Fahrer
  • Fotografierende bzw. Aufnehmende statt Fotografen
  • Frisierende statt Frisöre bzw. Friseure
  • Schiffsführende statt Kapitäne
  • Landwirtschaft betreibende Person statt Landwirt
  • Mordende Person statt Mörder
  • Nebenan Wohnende statt Nachbarn

Mit Ausnahme von Studierende und Lehrende sind die Partizip-Präsens-Formen von Substantiven auch im Standarddeutschen wenig bis gar nicht verbreitet. Auch Studierende und Lehrende sind meiner Ansicht nach nicht barrierefrei. So dürfte insbesondere Menschen mit einer geistigen Behinderung nicht klar sein, dass mit Lehrenden Lehrer*innen (oder Dozent*innen) gemeint sind (wobei sie auch das Wort Dozenten nicht kennen). Viele Partizip-Präsens-Formen sind nicht nur seltener, sondern auch länger und damit für unsichere Leser*innen schwer oder kaum lesbar. Fahrzeugführende ist nicht nur lang und für ungeübte Leser*innen schwer zu entziffern, es entstammt auch der Verwaltungssprache. Das von geschickt gendern vorgeschlagene Aufnehmende wiederum wäre sowohl in Leichter als auch in Einfacher Sprache viel zu unpräzise.

Auch andere Begriffe sind nicht barrierefrei, da zu selten und/oder zu lang:

  • Lehrkraft statt Lehrer
  • Gartenarbeitskraft statt Gärtner
  • Hausärztliche Fachkraft statt Hausarzt

Während ich Lehrkraft in Leichter Sprache nicht verwenden würde, wäre das Wort – je nach Zielgruppe – in Einfacher Sprache möglich.

Bei wiederum anderen Vorschlägen auf geschickt gendern bestehen Bedeutungsunterschiede, so zum Beispiel, wenn Freunde durch Bekannte ersetzt werden. Die Beziehung zu Freund*innen ist wesentlich enger als die zu Bekannten. Es wird also nicht dasselbe ausgesagt. Auch müssen Schlüsselpersonen nicht immer Helden sein …

Hand aufs Herz: Hättest du gewusst, welchen Begriff die folgenden ersetzen sollen?

  • Diamantrahmenfahrrad
  • Person mit höherer Fachprüfung
  • Ausbildungsbeauftragte Person
  • Minis
  • Menschen gleicher Gesinnung
  • Wahl eines Lebensmenschen

Nein? Barrierefreiheit fehlt also auch hier!

Diamantrahmenrad steht für Herrenfahrrad, Person mit höherer Fachprüfung für Meister, ausbildungsbeauftragte Person für Mentor, Minis für Ministranten, Menschen gleicher Gesinnung für Nachahmer, Wahl eines Lebensmenschen für Partnerwahl (so jedenfalls die Vorschläge von geschickt gendern).

 

Fazit zur Verständlichkeit von geschlechtsneutralen Begriffen

Da es sich bei genderneutralen Begriffen meist um keine leichten Wörter handelt, sind nur wenige geschlechtsneutrale Substantive barrierefrei. Teils müssen diese wieder durch Nebensätze näher spezifiziert werden, was in Leichter Sprache auch der Verständlichkeit schaden kann, da Leichte Sprache nur kurze Sätze verwendet.

Viele geschlechtsneutrale Formulierungen bauen sogar so große Barrieren auf, dass selbst Muttersprachler*innen ohne intellektuelle Einschränkungen sich fragen müssen: Wer ist denn hier eigentlich gemeint? Sicher, teils lässt sich dies aus dem Kontext erraten. Jedenfalls für diejenigen unter uns, die sehr gute Deutschkenntnisse besitzen, sicher lesen und vielleicht noch etwas Fantasie mitbringen. Leicht und barrierefrei sieht aber anders aus.

 

Zur Autorin:

Leichte-Sprache-Übersetzerin Andrea Halbritter

Andrea Halbritter

Andrea Halbritter ist Germanistin und Romanistin mit 2. Staatsexamen und vom Netzwerk Leichte Sprache e. V. zertifiziert. Sie erstellt Texte in Leichter und Einfacher Sprache und arbeitet vor allem in den Bereichen politische Teilhabe, Erinnerungskultur, Kunst und Gesundheit.

 

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