Hannah Häffner: „Die Riesinnen” (Rezension)

Tafel mit der Aufschrift "Teamwork" und in verschiedenen Farben aufgemalten Personen

„Die Riesinnen“ von Hannah Häffner ist ein wortgewaltiges Werk, das tief im Schwarzwald verwurzelt ist – wie seine Protagonistinnen. Und nein, trotz seines Titels handelt es sich um kein Märchen. Dennoch fühlen sich manche Naturbeschreibungen so an, als entführe die Autorin ihre Leser*innen in die Welt der Gebrüder Grimm. Der Wald mit seinen Moosen, Bäumen, schmalen Pfaden, „zittrigen Blättern” und „morschen, feuchten Bänken” ist den drei Riesinnen jedoch nicht feindlich gesinnt – ganz im Gegenteil. Er ist ihr Rückzugsort, an dem sie sich wohlfühlen, ihr Anker, wenn sie die Dorfgemeinschaft ausstößt – weil sie anders sind: größer, dünner, auffallender, mit einem hohen Drang nach Unabhängigkeit und Freiheit ausgestattet.

„Die Riesinnen“ von Hannah Häffner (Rezension)

Die drei Frauen, Mutter, Tochter und Enkelin, passen auf den ersten Blick so gar nicht zu den anderen Bewohner*innen, dann aber wieder doch. Liese unterwirft sich den hiesigen Vorstellungen von Moral, verleugnet teils ihr eigenes Selbst, verschafft sich aber gleichzeitig Respekt und beißt sich tatkräftig durchs Leben. Cora wird mit ihren von der Mutter geerbten „Kupferwollehaaren“ in der Schule ausgegrenzt und schafft es für kurze Zeit, aus den engen Grenzen der Dorfgemeinschaft auszubrechen. Gemeinsam mit der Mutter führt sie die Metzgerei des verstorbenen Vaters und eröffnet anschließend ein gutgehendes Restaurant am Rande des Waldes, in den sie sich so gerne begibt.

Erst der Enkelin gelingt es, sich und die Großmutter aus den Fängen enger Moralvorstellungen zu befreien und den eigenen Weg zu gehen – allerdings auch vor Ort und nicht in der weiten Welt. Denn tief verwurzelt sind sie in diesem Generationenepos alle drei im kleinen Wittenmoos.

Ein Roman – satt, wild und verunsichernd

Ein poetischer, satter Roman voller beeindruckender und ungewöhnlicher Bilder und Vergleiche, der nachdenklich stimmt und melancholisch, ja traurig, zurücklässt. Stilistisch präzise spannt sich die Geschichte der drei Frauen von den 1960er Jahren bis heute und bringt uns zum Nachdenken: Leben wir so, wie wir das möchten, oder sind auch wir in Strukturen verhaftet, die eigentlich nicht die unseren sind und die unserer Natur widersprechen? Wenn „Die Riesinnen“ eine Triggerwarnung braucht, dann diese: Achtung, dieser Roman könnte Sie stark verunsichern und an Ihrem Leben rütteln, es rauf- und runterstülpen und in Ihnen den Wunsch aufkommen lassen, es komplett zu verändern.

Hannah Häffner: „Die Riesinnen“, München 12026, 411 Seiten, ISBN 978-3-328-60443-4, Preis: 24 €

Frau mit schulterlangen blonden Haaren und grauen Strähnen, blauen Augen, Brille und grauem Mantel

Andrea Halbritter

Andrea Halbritter ist Germanistin mit 2. Staatsexamen und vom Netzwerk Leichte Sprache e. V. zertifiziert. Sie erstellt Texte in Leichter und Einfacher Sprache für NS-Gedenkstätten, Museen, politische Parteien und Gesundheitsbehörden. In den Sprachrichtungen Französisch-Deutsch und Englisch-Deutsch übersetzt Andrea vor allem im Bereich Wein.

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