Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wanderten viele deutsche Mennoniten ins russische Kaiserreich aus. In ihrem Buch „Das Gedächtnis der Töchter“ erzählt Irene Langemann die Geschichte einer solchen Familie – über sechs Generationen hinweg.
„Das Gedächtnis der Töchter“ von Irene Langemann (Buchbesprechung)
Die Handlung umrahmt das Mädchen Vera. Sie besucht in Sibirien eine allgemeinbildende Schule und erhält gleichzeitig Klavierunterricht. Mit ihren Eltern Anna und Hermann kann sie immer mal wieder in den Sommerurlaub fahren – nach Moldawien und Georgien. Ihre russischen Mitschüler*innen beschimpfen die Jugendliche immer wieder als Faschistin. Auch ihre Eltern fühlen sich in der Sowjetunion nicht wohl und träumen vom Auswandern.
Ein Roman über deutsche Mennoniten in Russland
Vera stöbert in der Geschichte ihrer Ahninnen und erzählt im Roman „Das Gedächtnis der Töchter“ das Leben von Mutter, Großmutter, Urgroßmutter und weiterer Verwandter. Zunächst ist es eine Geschichte von mühsam erarbeitetem Wohlstand, dann von Verfolgung, Enteignung, Verschleppung, Verhaftung und Zwangsarbeit.
Die Lebensgeschichten der Frauen und Männer der Familie prallen auf Russische Revolution, Totalitarismus und Kollektivierung. Schwere Schicksalsschläge und Gewalt dominieren die Erfahrungen mehrerer Generationen von Deutschruss*innen.
Die Autorin Irene Langemann schlägt damit ein in Deutschland weitgehend unbekanntes Kapitel auf. Anlass für das Schreiben des Buchs war die Deportation der Großmutter der Verfasserin nach Nordkasachstan und die Überlegung: Welche Spuren hinterlassen Lebenserfahrungen, Hunger und Elend bei den Nachkommen?
Ein berührendes Buch, aber keine leichte Kost
Das Buch berührt, lässt nicht los. Dabei ist es keine leichte Kost. Den Frauen und ihren Familien widerfährt Schreckliches. Familienmitglieder verhungern, werden erschossen, gehen verloren, vegetieren in Erdhütten, erfrieren …
Schwer zu lesen ist „Das Gedächtnis der Töchter“ aber auch aufgrund seines Aufbaus. Es ist nicht chronologisch geordnet, enthält zahlreiche Zeitsprünge. Für mich war das teilweise verwirrend. So fragte ich mich während der Lektüre des Romans mehrmals, in welchem Jahr „wir“ uns gerade befinden. Erschwert wird das Verständnis außerdem durch das riesige Personeninventar – obwohl sich in der Umschlaginnenseite ein reduzierter Stammbaum der Familie befindet. In diesem musste ich auch immer wieder nachschlagen.
Insgesamt: ein Buch, das Empathie für die Minderheit der Russlanddeutschen erzeugt, das aber nicht leicht zu lesen ist. Das immer wieder eingebaute Plautdietsch (Mennonitenniederdeutsch) sorgt für Authentizität. Geübte Leser*innen werden die meisten Sätze verstehen, vor allem wenn sie sie aussprechen.





