Mit der Familienerzählung „Wir Ostpreußen“ setzt Jochen Buchsteiner seiner Oma ein Denkmal. Der detaillierte Fluchtbericht seiner Großmutter ist Ausgangspunkt für sein Buch über eine vergessene deutsche Provinz.
Schon gleich vorab: Ich hadere mit dem Werk. Buchsteiner verknüpft zwei Erzählstränge, einen sachlichen Überblick über die Historie der Region sowie die Geschichte seiner eigenen Familie, die aus Ostpreußen stammt und ihre Heimat verlassen musste.
Zwar finde ich die historischen Fakten durchaus interessant. Sie geben einen Abriss vom Deutschen Orden über den preußischen Staat bis zum Fiasko im Jahr 1945. Mir persönlich war es dadurch aber zu viel Sachbuch und zu wenig Roman.
Jochen Buchsteiner: „Wir Ostpreußen“ (Rezension)
Was in „Wir Ostpreußen“ gut vermittelt wird, ist das Gefühl des Autors und zahlreicher Vertriebener, etwas unwiederbringlich verloren zu haben, was man doch nie besessen hat. Sicher finden sich da viele wieder, deren Lebensgeschichte eine ähnliche ist.
Manche Sätze können sauer aufstoßen
Meine ist es nicht und da liegt vielleicht auch das Problem. Die Spurensuche berührt mich zwar und das Schicksal der Großmutter ist furchtbar, doch ernsthaft: Ohne in eine Olympiade der Opferkonkurrenz verfallen zu wollen, es gibt Schlimmeres! Zum einen Vertriebene, die aus einer nicht so betuchten Schicht kamen und deren Schicksal durch einen großzügigen Lastenausgleich weit weniger abgefedert wurde. Es gab jüdische Familien, die komplett „ausradiert“ wurden, und zuhauf politische Gefangene, die von den Nazischergen totgeschlagen oder erschossen wurden. Und es gab Verfolgte, die erst 2020 überhaupt vom Bundestag als solche anerkannt wurden.
Manche Sätze im Werk stoßen mir daher sauer auf. Dies hängt aber auch und vor allem mit der Geschichte meiner eigenen Familie zusammen.
Ein gut komponiertes, nüchternes Buch
Dennoch habe ich den Großteil des Berichts mit Interesse gelesen. „Wir Ostpreußen“ ist gut komponiert und ansprechend geschrieben. Es handelt sich um ein leises, nüchternes Buch, das nicht in Sentimentalitäten abgleitet. Gleichzeitig wirft es moralische, kulturelle und auch politische Fragen auf. Spürbar bewegt macht sich der Autor Jochen Buchsteiner mit Vater und Sohn auf Spurensuche. Dabei steht er vor dem Nichts.
Die Schönheit der Region wird gut transportiert, aber nicht verklärt. Die unbeschwerte Kindheit inmitten herrlichster Natur und in einem Milieu, das sich keine Geldsorgen zu machen braucht, erscheint als der Inbegriff von Freiheit. Dass man dem, auch angesichts der heutigen geopolitischen Entwicklungen nachtrauert, ist normal. Auch die These „Wir sind anders, weil wir Ostpreußen waren“ hat mich zum Nachdenken gebracht.
„Wir Ostpreußen“: der Blick sollte milieukritischer sein
Was mir fehlt, ist ein milieukritischerer Blick. Es handelt sich eben nicht, wie es der Untertitel „Eine ganz gewöhnliche deutsche Familiengeschichte“ suggeriert, um eine Durchschnittsfamilie. Die Vorfahren des Autors waren, wie oben schon angedeutet, privilegiert. Sie gehörten der Oberschicht an, ihre Leben hatten patriarchale und feudalistische Züge. Natürlich darf auch an Menschen erinnert werden, die reich waren. Aber ich finde es schade, dies zu sehr aus dem Blick zu verlieren.
Wer musste da eigentlich fliehen?
Ja, vielleicht gibt es einen Mangel des Gedenkens an die Vertriebenen. Vielleicht beleuchten wir, was Ostpreußen betrifft, aber auch zu wenig, wer da flüchten musste. In Ostpreußen dominierten die Nazis schon früh die politische Landschaft. Die NSDAP erzielte dort regelmäßig Ergebnisse, die einiges über dem reichsweiten Durchschnitt lagen. Weiter erforscht werden müsste also vor allem auch die Affinität der Ostpreuß*innen zu den Nazis und ihr Verhältnis zu Zwangsarbeiter*innen. Wie steht’s eigentlich um die eigene Verantwortung für die Geschichte der Gegend? Wie man sich bettet, so liegt man.





