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Texterin und Übersetzerin auf der Suche nach vergessenen Konzentrationslagern

Arbeit mach frei

Konzentrationslager: als Texterin und Übersetzerin gegen das Vergessen anschreiben

Kaufering

Schild an der alten B17

Wie oft ich an dem Schild vorbeigefahren bin, weiß ich nicht.

Als Kind und Heranwachsende mit Eltern und Bruder auf dem Weg nach Südtirol oder an die Adria. Auf der Abiturfahrt in die Toskana. Als Busbegleitung auf der Fahrt nach Rom. Mit französischen Schülergruppen auf dem Weg nach Oberammergau und Neuschwanstein …

Am 19. Mai 2019 entschließe ich mich endlich dazu anzuhalten. Hier in Hurlach an der Lechstaustufe 18.

Ich bin Andrea, Texterin und Übersetzerin und seit ein paar Jahren auf der Suche nach vergessenen Konzentrationslagern.

Das Foto auf Omas Beistelltisch

Wilhelmine und Leonhard Hausmann

Wilhelmine und Leonhard Hausmann

Wie man zu so einem “Hobby” kommt? Indem man in einer Familie aufgewachsen ist, in der das Thema Drittes Reich tabuisiert wurde, einem als Kind eingeimpft wurde, bestimmte Themen auf keinen Fall anzusprechen. Jedenfalls nicht der Oma gegenüber.

Wenn ich an Oma denke, dann immer als erstes an den kleinen Beistelltisch in ihrem Wohnzimmer. Mit dem Bild von Hartl, eine Schwarz-Weiß-Aufnahme umgeben von einem roten Rahmen. Das Bild stand dort, soweit ich denken kann. Es war auch noch da, als sie 1993 starb. Fragen durften wir danach nicht, das wurde uns Kindern schon von klein auf von unserer Mutter eingetrichtert. Warum? “Das ist Omas erster Mann. Er wurde im KZ umgebracht. In Dachau.”

Ich parke mein Auto auf dem Parkplatz der Lechstaustufe 18. Es ist heiß. Vor mir der Lech, der aufgestaute See, ganz viel Geröll und Kies und das riesige Wehr. Drumherum Wald und Heide. Obwohl Kaufering und Landsberg nicht allzu weit weg sind und Menschen mit ihren Hunden oder Nordic-Walking-Stöcken unterwegs sind, fühle ich mich wie mitten im Nichts.

Den Weg, auf dem ich mit dem Auto gekommen bin, laufe ich nun wieder ein Stück zurück und biege dann zu Fuß in den Wald ein, zum Friedhof des KZ-Außenlagers Hurlach IV.

Ich bin Andrea, Texterin und Übersetzerin und seit ein paar Jahren auf der Suche nach vergessenen Konzentrationslagern.

Hartl

Leonhard Hausmann

Hartl

Hartl war nicht hier inhaftiert. Im KZ-Außenlagerkomplex Kaufering lebten fast nur jüdische Zwangsarbeiter. Hartl war katholisch getauft und erklärte am 10. März 1922 seinen Austritt aus der katholischen Glaubensgemeinschaft, wie es in seinem Meldebogen heißt, den man im Augsburger Stadtarchiv einsehen kann.

Nach ein paar Hundert Metern stehe ich auf einer Lichtung. Mir ist etwas mulmig zumute, aber ich bin nicht allein. Auf der Wiese stehen Räder. Ein älteres Ehepaar ist mit Lupe und Smartphone auf der Suche nach seltenen Orchideenarten und Enzianen. Die Enziane muss man nicht wirklich suchen. An manchen Stellen der Wiese blühen so viele, dass ihr Blau schon von Weitem auffällt.

Auch an der Mauer des ersten Friedhofs lehnen zwei Räder. Der Ort verströmt eine beruhigende Stille, gleichzeitig stelle ich mir vor, wie trostlos die Hurlacher Heide v. a. im Winter für die hierher verschleppten Menschen gewesen sein musste. In Primitivbauten, mit unzureichender Kleidung, häufig ohne Heizung, ständig in Nässe und Kälte.

Hartl war im Stammlager Dachau inhaftiert, zu dem auch das Hurlacher Lager gehörte. Verhaftet wurde Leonhard Hausmann bzw. Haußmann (in den Unterlagen meiner Oma findet sich nur die Schreibung mit ß) am 25. März 1933 auf offener Straße im Augsburger Stadtteil Oberhausen. Im Konzentrationslager Dachau traf er zusammen mit mindestens sieben weiteren Augsburgern am 24. April 1933 ein. Wo er sich in der Zwischenzeit in Schutzhaft befand, habe ich noch nicht herausgefunden.

Ich bin Andrea, Texterin und Übersetzerin und seit ein paar Jahren auf der Suche nach vergessenen Konzentrationslagern.

Die Erinnerung wachhalten

KZ-Friedhof Hurlach

KZ-Friedhof Außenlager Kaufering IV

Ich öffne das Tor des ersten Friedhofs. Zwei Davidsterne zieren es. Mitte Mai badet der Friedhof in einem satten Grün. Ein Gedenkstein erinnert an die Toten, die hier ruhen. Ebenso ein paar Grabsteine. Von anderen Gräbern sind nur noch die Einfassungen vorhanden. Hebräische Inschriften, englische, selten deutsche. Gern wüsste ich mehr über das Schicksal dieser Menschen: Dr. Szigeti Márton, Josef Lajzer Michalowicz, Mordechai Skubitz … Mit Gedenktafeln versuchen Angehörige, die Erinnerung wachzuhalten.

Leonhard hat seine letzte Ruhe auf dem Augsburger Westfriedhof gefunden. Im Frühjahr 1933 wurden tote Häftlinge aus Dachau noch an ihre Angehörigen überstellt. Später wurden sie vor Ort in Massengräbern bestattet oder verbrannt.

Schätzungen zufolge starben im KZ-Außenkomplex Kaufering etwa 20 000 Menschen. Aufgrund der schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Hartl wurde am 17. Mai 1933 erschossen. Im Alter von nur 30 Jahren. Sein Verbrechen: Er gehörte der KPD an und war seit September 1932 Augsburger Stadtrat. Sein Mörder hieß Karl Ehmann, er war SS-Scharführer, nur wenig älter als Hartl und ebenfalls aus Augsburg. Hartl zählt zu den ersten Opfern des KZ Dachau.

Ich bin Andrea, Texterin und Übersetzerin und seit ein paar Jahren auf der Suche nach vergessenen Konzentrationslagern.

Kleine Steine gegen das Vergessen

KZ-Friedhof bei Kaufering Steine

Steine zum Gedenken

Für den Friedhof habe ich kleine Steine mitgebracht. Ich lege sie auf Grabsteine und auf die etwa hüfthohe Friedhofsmauer und ich mache Fotos und schreibe. Gegen das Vergessen. In einem Deutschland, das sich vielerorts mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit immer noch schwertut, obwohl gewisse Kräfte neu erstarken und es wieder zu politischen Morden kommt. 2019. Wie 1933.

Hartl wurde aus nur 30 cm Entfernung erschossen. Hartl kannte Ehmann bereits aus Augsburg. Ehmann fiel dort als notorischer Schläger und Trunkenbold auf. Und hatte dort auf die Ehefrau eines Kommunisten geschossen. Um andere vor Ehmann zu warnen, hatte Hartl daher dessen Bild im Sommer 1932 an KPD-Mitglieder verteilt.

Ich bin Andrea, Texterin und Übersetzerin und seit ein paar Jahren auf der Suche nach vergessenen Konzentrationslagern.

Konzentrationslager Dachau: Folterungen bis zur Bewusstlosigkeit

KZ Dachau

Mahnmal KZ Dachau

Das erste KZ, das ich besucht habe, war Dachau. Wie alt ich damals war, weiß ich nicht mehr. Ich denke, ich war dort zum ersten Mal mit einer französischen Austauschpartnerin, die unbedingt nach Dachau wollte. Genau kann ich dies aber nicht mehr sagen. Während meiner Zeit als Lehrerin war ich mit mehreren Schülergruppen im KZ und habe ihnen von Hartl erzählt. Gegen das Vergessen.

Wie wir aus einem Augenzeugenbericht wissen, wurde Hartl in Dachau bis zur Bewusstlosigkeit gefoltert, mit Wasser übergossen und dann von Neuem gefoltert. Man wollte Informationen von ihm haben, die er nicht preisgab.

Ich bin Andrea, Texterin und Übersetzerin. Ich besuche Konzentrationslager.

Ich besuche Konzentrationslager

KZ Sachsenhausen

KZ Sachsenhausen

Neben Dachau habe ich bereits weitere bekannte Lager besucht: Sachsenhausen, Ravensbrück, Buchenwald und Natzweiler-Struthof. Und ich suche vergessene Konzentrationslager und schreibe über sie. Das “Jugendschutzlager Uckermark”, das Waldlager Horgau, den Außenlagerkomplex Dachau. Ich fotografiere und schreibe gegen das Vergessen. Ich besuche auch Fortbildungen zu Konzentrationslagersystem und Entnazifizierung. Ich übersetze Besucherinformationen, Websites, Blogartikel. Vom Französischen ins Deutsche und vom Standarddeutschen in Leichte Sprache.

Zusammen mit anderen KPD-Angehörigen und Juden wurde Hartl im KZ Dachau auch an die Straßenwalze gehängt. Flankiert von schlagenden SS-Männern musste er sie ziehen. Ehmann erschoss ihn. Angeblich auf einem Fluchtversuch in einer Fichtenschonung, angeblich aus 10 bis 12 Metern Entfernung. Einer der wenigen Sätze, die meine Oma über Hartl verlor, war: “Hartl wäre nie geflüchtet.”

Noch am 17. Mai 1933 ordnete Staatsanwalt Josef Hartinger eine Autopsie an.

Ich lege meinen letzten Stein auf der Friedhofsmauer ab und laufe langsam zu meinem Auto zurück. Ein Stück weiter besuche ich einen weiteren jüdischen Friedhof und setze mich dann in ein Café am Lech.

Ich bin Andrea, Übersetzerin und Texterin und besuche Konzentrationslager.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München II

KZ Sachsenhausen

KZ Sachsenhausen

Josef Hartinger war 1933 gerade einmal 39 Jahre alt, gläubiger Katholik, Mitglied der Bayerischen Volkspartei und überzeugter Demokrat. Dass es im Lager Dachau zu Morden kam, vermutete er bereits im April 1933. Als Hartl erschossen wurde, ermittelte er gemeinsam mit seinem Vorgesetzten, Carl Wintersberger,  bereits in den Fällen Rudolf Benario, Ernst Goldmann, Arthur Kahn und Erwin Kahn. Er nahm auch im Fall von Hartl die Ermittlungen auf. Der von der Staatsanwaltschaft München II beauftragte Gerichtsmediziner stellte fest, dass Hartl aus einer Entfernung von 30 cm erschossen wurde. Der Schuss traf seine linke Brusthöhle.

Ich bin Andrea, Texterin und Übersetzerin. Und der Meinung, dass wir die Opfer des Nationalsozialismus nicht vergessen dürfen. Deswegen besuche ich Konzentrationslager. Deswegen fotografiere ich Lager, deswegen schreibe ich über sie. Meine Fotos betrachte ich als Hommage an die Opfer.

Versetzt

Stacheldraht KZ Dachau

KZ-Gedenkstätte Dachau

Am 1. Juni 1933 erhob Wintersberger gegen den Dachauer Lagerkommandanten Wäckerle Anklage und beantragte vergeblich zwei Haftbefehle. Das bayerische Kabinett musste sich mit den Mordfällen in Dachau befassen, Hartinger und Wintersberger wurden beide versetzt, so dass es während des Dritten Reiches zu keinem Prozess gegen die Mörder von Hartl und die anderen ersten Opfer des KZ Dachau kam. Die Akten waren “nicht mehr auffindbar”, am 2. August 1933 erfolgte eine Amnestierung. Ehmann wurde erst nach dem Krieg zur Rechenschaft  gezogen und im Juli 1950 vom Landgericht München zu lediglich 8 Jahren Zuchthaus wegen Totschlags an Leonhard Hausmann verurteilt.

Ich bin Andrea, Texterin und Übersetzerin. Ich besuche Konzentrationslager, ich spüre vergessene Konzentrationslager auf. Ich setze mich dafür ein, dass wir nicht vergessen. Ich bin am Leben, weil Hartl ermordet wurde.

Dark Tourism

Stolpersteine

Stolpersteine

Die Bezeichnung Dark Tourism (Schwarzer Tourismus, Dunkler Tourismus) lehne ich für mich ab. Mit Tourismus hat dies nichts zu tun, ich reise für die Erinnerung und ich reise für Hartl und meine Oma.

Für Hartl wurde im Oktober 2017 ein Stolperstein verlegt. Auch er erinnert. Für meine Oma, Wilhelmine Hausmann, gibt es auch einen. Derzeit darf er nicht verlegt werden. Für die Stadt Augsburg ist sie kein Opfer, obwohl auch sie inhaftiert war. Im Augsburger Gestapogefängnis.

Hartls Tod hat sie nie verkraftet. Kurz bevor er umgebracht wurde, konnte er ihr noch einen Brief aus dem KZ schicken. Wie er ihn herausschmuggeln konnte und wer ihn ihr übergeben hat, weiß ich nicht. Den Brief habe ich nach ihrem Tod entdeckt. Sie hat ihn immer und immer wieder abgetippt.

Ich bin Andrea, Texterin und Übersetzerin vom Französischen ins Deutsche und in Leichte Sprache. Ich reise zu Konzentrationslagern, ich fotografiere und schreibe gegen das Vergessen und ich korrigiere Studien über den Nationalsozialismus.

 

 

Andrea Halbritter

Andrea Halbritter, Stolpersteinverlegung für Hartl

Quellen:

Broszat, Martin und Mehringer, Hartmut: Bayern in der NS-Zeit V. Wien 1983

Broszat, Martin; Fröhlich, Elke; Grossmann, Anton (Hg.): Bayern in der NS-Zeit III Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt Teil B. Wien 1981

Dillon, Christopher: Dachau and the SS: A Schooling in Violence. 2015 Oxford University Press

Eiber, Ludwig und Sigel, Robert (Hg.): Dachauer Prozesse NS-Verbrechen vor amerikanischen Militärgerichten in Dachau 1945 – 1948. Göttingen 2007

Mühldorfer, Friedbert: Hans Beimler – Eine biographische Skizze. In: Beimler, Hans: Im Mörderlager Dachau. Köln 2012

Raim, Edith: Justiz zwischen Diktatur und Demokratie. Wiederaufbau und Ahndung von NS-Verbrechen in Westdeutschland 1945 – 1949. München 2013

Ryback, Timothy W.: Hitler’s first victims and one man’s race for justice. London 2015

Wachsmann, Nikolaus und Steinbacher, Sybille (Hg.): Die Linke im Visier – Zur Errichtung der Konzentrationslager 1933. Göttingen 2014

Zámečník, Stanislav: Das war Dachau. Frankfurt am Main 2007

Lager Dachau

Porträt VVN Leonhard Hausmann

 

Blogparade Schwarzer Tourismus

 

Dieser Artikel ist Teil der Blogparade Schwarzer Tourismus.

Beiträge sind noch bis zum 1. August 2019 möglich.

Derzeit gibt es bereits etwa zehn weitere Beiträge, z. B.:

Orte des Grauens, der Trauer und der Freude: Über den Umgang mit Katastrophen in Frankreich

Hiroshima

Leben in der Sperrzone: Tour nach Tschernobyl

Meine Artikel zu vergessenen Konzentrationslagern findet ihr hier.

Fotos: Andrea Halbritter

Stand: 03.08.2019