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“Ich mache Texte in Leichter Sprache für dich!”

Flagge Polen

“Ich lerne, wie ich Texte in Leichter Sprache machen kann …”

Während meines ersten Fortbildungstags zum Übersetzer für Leichte Sprache in der Förderstätte in Augsburg erregt meine Anwesenheit in der Schlange zur Kantine höchste Aufmerksamkeit.

Es wird getuschelt, auf den Gesichtern sind Fragen zu lesen, aber keiner spricht mich an.

Schließlich drehe ich mich zu der Frau hinter mir um.

Leichte Sprache: ein Gespräch

“Gell, Sie haben mich hier noch nie gesehen …”

“Nein, ich kenne dich nicht. Bist du 25?”

Halb so alt, wie ich tatsächlich bin, hat mich schon lange keiner mehr geschätzt!

“Nein, ich bin ungefähr so alt wie du!”

“So alt wie ich? Wie alt bist du?”

“Ich bin 50.”

“50?”

“Ja und du?”

“Ich bin 49.”

“Dann bin ich ein Jahr älter als du!”

“Ein Jahr älter als ich? Ich bin 1969 geboren und du?”

“Ich bin 1968 geboren.”

“Ah! Dann bin ich ein Jahr jünger als du!”

“Ja, genau. Ich bin die Andrea und du?”

“Ich bin die Ingrid [Name geändert].”

“Schön, dich kennenzulernen, Ingrid!”

“Was machst du hier, Andrea?”

“Ich bin auf einer Fortbildung.”

“Auf einer Fortbildung?”

“Ja, ich lerne, wie ich Texte in Leichter Sprache mache.”

“Texte in Leichter Sprache?”

“Ich lerne, wie ich Texte für dich machen kann.”

“Für mich?”

“Ja!”

“Du machst Texte auf Polnisch für mich?”

Texte in Leichter Sprache: Was zeigt uns dieses kurze Gespräch?

Texte in Leichter Sprache: Informationen über den Empfänger sind wichtig

Für eine adäquate Kommunikation ist es wichtig, bestimmte Informationen über den Empfänger zu haben. Hätte ich z. B. gewusst, dass Ingrid nicht deutsche, sondern polnische Muttersprachlerin ist, hätte ich meine Antwort sicher anders formuliert. Bei der Übersetzung von Texten in Leichte Sprache ist es ebenfalls wichtig zu wissen, an wen sich der übersetzte Text richtet. Übersetze ich z. B. einen Text über die Sehenswürdigkeiten in einer bestimmten Stadt, spielt es eine große Rolle, ob sich der Text an Menschen mit einer Lernbehinderung richtet, die in dieser Stadt wohnen und die die entsprechenden Orte schon kennen, oder aber an Menschen, die noch nie in der Stadt waren und die dahin demnächst einen Ausflug unternehmen. Je nach Vorkenntnissen muss in der Übersetzung mehr oder weniger erklärt werden.

Menschen mit Lernbehinderung haben Schwierigkeiten mit Zahlen

Menschen mit einer Lern- oder einer geistigen Behinderung tun sich insbesondere mit höheren Zahlen schwer. Für Ingrid war es zunächst nicht möglich, die Zahl 50 einzuordnen, obwohl sie selbst nur ein Jahr jünger ist. Wahrscheinlich schien ihr auch 25 schon sehr viel. Sind Zahlen nicht so wichtig, bieten sich daher Umschreibungen, wie “vor langer Zeit”, “das ist schon lange her” usw., an.

Beispiele:

Standardsprache:

“Augsburg wurde im Jahr 15 v. Chr. gegründet.”

Leichte Sprache:

“Augsburg ist eine sehr alte Stadt.”

“Augsburg ist mehr als 2-Tausend Jahre alt.”

Standardsprache:

“1552 …”

Leichte Sprache:

“Vor sehr langer Zeit …”

“Vor fast 500 Jahren …”

Standardsprache:

“Ich bin 1999 geboren.”

Leichte Sprache:

“Ich bin 20 Jahre alt.”

Insbesondere in Geschichtstexten und Biografien kann es dennoch sinnvoll sein, Jahreszahlen beizubehalten. In diesem Fall empfehlen sich erläuternde Ergänzungen.

Beispiel:

Standardsprache:

“1552 (…)”

Leichte Sprache:

“Im Jahr 1552 (…)

Das spricht man 15-Hundert-52.

Das ist fast 5-Hundert Jahre her.

Das ist sehr lange.”

 

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