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Als Deutsche während der Corona-Krise in Frankreich (Teil 2)

Als Deutsche in La Turballe während Corona

Tag 2 als Übersetzer und Texter in der französischen Corona-Krise

Langeweile: der Tod jeder Übersetzung

16.03.2020: Halb neun. Erste Aktion: sämtliche Klinken putzen. Zweite Aktion: Kater füttern. Dritte Aktion: Frühstück. Bananenbrot mit Schwarztee für mich, Mielpops mit Milch für meine Tochter. Dann ins Bad und an den Schreibtisch.

Diese Woche müssen mindestens 5000 Wörter übersetzt werden. 2000 für die Website eines Winzers in Burgund, 3000 für ein mittelständisches Unternehmen im Bereich Luftfiltertechnik. Trotz unterrichtsfrei.

Nach fünf Minuten: “Ich langweilige mich …” Entsetzter Aufschrei von der Mama: “Waaas? Dir ist jetzt schon langweilig? Hast du nicht ein Buch zu lesen?” “Ich habe schon alle meine Bücher gelesen …” “Und das, das du bis Freitag für die Schule lesen sollst?” “Das ist zu schwer!”

Coronavirus in Frankreich: Gesegelt wird vorerst nicht

Unser Segelclub in Le Pouliguen

Tausche Segeln gegen Hüpfgummi

Meine Tochter ist ein Kind, das viel Bewegung braucht. Schon immer. Zu Normalzeiten heißt das pro Woche zwei Stunden klassisches Ballett, zwei Stunden Modern Dance, vier Stunden Segeln, selten auch Reiten. Zusätzlich jeden Morgen drei Kilometer Fußmarsch zur Schule, mit dem Rad zum Tanzen und Schulsport.

Mit dem Schulsport, wie ich ihn in den 70er- und 80er-Jahren erleiden musste, hat der in Frankreich nichts gemein. Die Kinder entdecken an einem Vormittag pro Woche verschiedene Aktivitäten. Jede davon etwa sechs bis zehn Wochen. Zum Beispiel Inlinerfahren, Basketball, Badminton, Golf, Schwimmen, Jazz Dance. Schulen am Meer organisieren außerdem mehrmals pro Jahr Tage, an denen gesurft oder auf Wasser bzw. Sand gesegelt wird. Bezuschusst wird das von Gemeinde und Elternverein, wir zahlen dafür keinen Cent.

Ich jammere auf Facebook, dass ich nicht arbeiten kann. Eine Freundin meint: “Habt ihr keinen Hüpfgummi?” Ein gezielter Griff in das Chaos meiner Fast-Tee-Nager-Tochter und ich befördere einen zutage. Damit beschäftigt sie sich dann etwa eine halbe Stunde auf der Terrasse. Dann Mama-mir-ist-sooooo-langweilig die Zweite. Arghhh. Mindestens eine Stunde Ruhe hatte mir eigentlich schon erhofft …

“Fang doch mal mit deinen Aufgaben an! Du weißt, wir müssen sie am Freitag abgeben.” “Keine Lust, ich hab frei.”

Coronavirus in der Bretagne: Strandspaziergänge unmöglich

Strandspaziergänge in der Bucht von La Baule sind derzeit nicht möglich

Auf in den Waschsalon

Gerüchte machen sich breit, dass Macron demnächst eine Ausgangssperre verhängt. In unserer Bude türmen sich die Wäscheberge.

Die Maschine, die zur Grundausstattung unserer möblierten Wohnung gehörte, hat schon vor Jahren das Zeitliche gesegnet. Der Vermieter hat sie nie ersetzt. Vom Gesetz her wäre er zwar dazu verpflichtet. Eine Frist hat der Gesetzgeber jedoch nicht vorgesehen und so sind wir nun schon zwei Jahre ohne funktionierende Waschmaschine.

Letztes Jahr an Ostern war mir das Ganze dann zu bunt geworden. Sie wurde in die Garage verfrachtet. An ihrer Stelle installierte ich einen Geschirrspüler. Ganz nach dem Motto: Für Wäsche gibt’s Waschsalons, für Geschirr dagegen Spülhände. Und dann klappt’s auch nicht mit dem Nachbarn. Den Spruch kennt ihr ja!

Seit zwei Jahren karre ich meine Wäsche daher in den Waschsalon. Ich bin da auch ziemlich gut organisiert. Das Waschprogramm dauert exakt 42 Minuten und ich brauche meist exakt 30 Minuten, um im dahinterliegenden Bioladen meine Einkäufe zu tätigen.

Einkaufen muss ich heute nichts, aber 8 kg Weißwäsche muffeln vor sich hin. Da ich keine Lust auf Handwäsche habe (gäbe ja wieder Spülhände, hey …), mache ich mich Richtung Waschsalon auf. Vor einer potenziellen Ausgangssperre nochmal wegwaschen, was geht …

Während der Corona-Krise als Deutsche in Pornichet

Pornichet hat insgesamt drei Strände, dezeit können wir leider an keinen davon …

Erstmal alles desinfizieren, Mama!

Ich habe Glück und der Salon hat auf, obwohl mittlerweile fast alle Geschäfte in Frankreich geschlossen sind. Außer Lebensmittelläden, Apotheken und Banken. Los ist nichts. Als ich ankomme, sind zwei ältere Leutchen um die 80 dabei, die von ihnen auserkorene Maschine mit Spray und Feuchttüchern zu desinfizieren. Praktischerweise auch den Kassenautomaten. (Es handelt sich um einen Self.)

In gebührendem Corona-Abstand unterhalten wir uns über die Krise. Die beiden sind ziemlich gut informiert: “Gell, Mama, das wissen wir schon.”

Dann mache ich mich wieder nach Hause auf und hole 42 Minuten später meine Wäsche ab. In der Zeit schafft es mein Fast-Tee-Nager tatsächlich, sich zu Verbübungen aufzuraffen. In der Not beschäftigen sich Mädchen halt auch mit Konjugationen. Futur simple der unregelmäßigen Verben. Konjugiere das Verb mourir (sterben). Galgenhumor!

Mit dem Adlerauge einer ehemaligen Französischlehrerin werfe ich einen Blick darauf. Gar nicht so schlecht! Von 15 Verbformen sind nur zwei falsch.

Deutsche während Corona-Krise in der Bretagne

Anfang des Jahres mit Fast-Tee-Nager zwischen Mesquer und Piriac

Sauer wie Zitrone

11 Uhr: Schon einiges erledigt heute, aber nach wie vor kaum etwas übersetzt.

“Mir ist sooooooooooooo langweilig.” Tag 4 zu Hause. Wie soll ich das sechs Wochen durchhalten? Coronafrei mag ja easy sein, wenn man Single ist und keine Depri hat. Oder frisch verliebt. Aber alleinerziehend mit Kind?

Auf Facebook ziehen Bilder von Party feiernden Franken in Würzburg vorbei. Bajuwaren vergnügen sich zu Horden gruppiert vor irgendwelchen Berghütten. In Frankreich sieht’s auch nicht besser aus. Eine Freundin berichtet, dass auch die Ufer der Seine gut besucht sind.

Ich merke, wie ich sauer werde. Sauer wie Zitrone.

Freunde von mir reißen sich jeden Tag in französischen und bayerischen Krankenhäusern als Ärzte oder Krankenschwestern den Allerwertesten auf und gefühlte 70 % der Bevölkerung nehmen die Situation noch immer nicht ernst.

Auf Facebook rätseln wir, wie das sein kann. Ignoranz? Dummheit? Egoismus? Angst? Verdrängung? Wahrscheinlich von allem etwas!

Während Corona in Piriac in der Südbretagne

Piriac-sur-Mer (Ortsteil Lérat)

Vegetarier versus Omni

11.30 Uhr: “Mir ist sooooooooooo langweilig und Hunger hab ich auch!”

Telearbeit ohne Kids ist ja echt klasse. Aber mit? Als Freiberuflerin kann ich mein Business nicht sechs Wochen (oder noch länger) auf Eis legen. Bereits seit drei Tagen bin ich auf der Suche nach einem günstigen Büro. Also z. B. in Form einer derzeit geschlossenen Praxis oder eines Ladens. Unbedingtes Muss: schnelle Internetverbindung, private Toilette, Waschbecken, Schreibtisch, Heizmöglichkeit. Bisher scheiterte es am Internetanschluss.

“Mir ist soooooooooooo langweilig.”

Gerade als mir fast die Sicherungen durchbrennen, meldet sich eine Freiberuflerin aus meinem Netzwerk: “Falls du Lust hast, kannst du heute Nachmittag und am Mittwoch mein Büro benutzen.” Na, das sind doch mal Perspektiven. “Mama, ich hab Hunger!!!!”

Ich werfe mich an den Herd. Drei verschiedene Sorten Gemüse schnippeln, im Wok anbraten. Dazu Basmatireis. “Igitt! Schon wieder Gemüse!!!” Ich Vegetarierin, fast Veganerin. Meine Tochter fleischabhängig. Muss ich dazu mehr schreiben? Normalerweise isst sie mittags in der Schule und bekommt dort ihre Fleischration ab. Außer einmal in der Woche. Da gibt es vegetarisch oder Fisch.

“Ich bin dann mal weg. Ich arbeite heute Nachmittag bei Laure.” “Und was mach ich?” “Deine Hausaufgaben!!!”

Betretener Blick von Seiten meiner Tochter und weg bin ich. Bis zu Laure sind es fast 45 Minuten, immer die Küstenstraße entlang. Ihr Haus liegt in Piriac direkt am Meer und hat einen großen Garten. Büro mit Blick ins Grüne und auf den Ozean. Endlich kann ich konzentriert arbeiten! In fünf Stunden schaffe ich etwa 1500 Wörter.

Als Deutsche während der Corona-Krise in Piriac in Frankreich

Piriac-sur-Mer

Zickenalarm

Um 19 Uhr stehe ich wieder vor dem eigenen Gartentor. Zickenalarm! Meine Tochter hat sich verbarrikadiert. Das Tor kann ich kaum öffnen. Dahinter stehen Insektenhotel und Tonne. Die Torlatten sind mit Strandspielzeug dekoriert. Schließlich schaffe ich es dennoch, reinzukommen. Als ich die Haustür öffne, schallt es mir in beleidigtem Französisch entgegen: “Je me suis ennuyée grave et j’ai faim!!!” (Ich hab mich so gelangweilt und ich hab Hunger!!!)

“Na, dann wärm ich gleich mal die Reste von heute Mittag auf.” “Kannst du selber essen. Ich will was anderes!!!”

Auch nicht schlecht. So viel ist eh nicht mehr da. Ich stelle ihr deutsches Vollkornbrot, Käse und Karottensticks hin. Mir mache ich die Reste warm. Dann gibt’s noch Kompott und eine Runde Karten.

Um 21 Uhr ruft mein 74-jähriger Stiefvater an und erzählt mir, was er mit seinem Kumpel alles unternommen hat. Beide sind noch sehr fit und fühlen sich unbesiegbar. “Dir ist schon klar, dass du keine 50 mehr bist und Corona in deinem Alter gefährlich ist?” Nach einer viertelstündigen Ich-stell-dir-dann-ein-paar-Blümchen-aufs-Grab-Pauke sieht er ein, dass er wahrscheinlich auf Wochen zu Hause bleiben muss.

Als ich auflege, läutet das Telefon wieder. Ein französischer Kumpel, von dem ich schon Monate nichts gehört habe: “Dieses Virus ist jetzt doch keine harmlose Grippe oder was?” Wieder einer, an dem sämtliche Informationen vorübergezogen sind. Nach dem Anruf falle ich erschöpft ins Bett.

In zeiten von Covid-19 in Frankreich

Die Tee-Nager-Betreuung während Corona hat der Kater übernommen.

Tag 3 als Übersetzer und Texter in der französischen Corona-Krise

Ausgangssperre

17.03.: Nun ist sie also da, unsere Ausgangssperre. Sie gilt ganztägig. Wer was wann wo und weshalb machen darf, entzieht sich sogar der Kenntnis der meisten Franzosen. Fast alle wissen aber, dass sie sich selbst eine Genehmigung ausstellen müssen, so sie draußen unterwegs sind. Ich, Andrea, schwöre bei meiner Ehre, dass ich draußen rumlaufen muss, um mir Klopapier zu besorgen. Ich, Andrea, erkläre hiermit feierlich, dass ich in Pornichet zu Fuß unterwegs bin, weil mein Fast-Tee-Nager ultrasauer wird, wenn der Kühlschrank leer ist.

Ob das tatsächlich kontrolliert wird, kann ich euch nicht sagen. Wir waren seither noch nicht unterwegs. Was ich allerdings sagen kann: Der Autoverkehr vor unserem Haus hat erheblich abgenommen. Es kommt kaum noch ein Fahrzeug vorbei.

Das Tee-Nager-Sitting hat bei uns inzwischen der Kater übernommen. Jedenfalls mehrere Stunden pro Tag. Dafür habe ich mit ihm täglich eine halbe Dose Fleisch und zusätzlich Kroketten vereinbart. Als Gegenleistung lässt er sich willig bekuscheln und bestreicheln. Und zwar länger als sonst. Sogar Kunststückchen lässt er sich beibringen.

Neue Perspektiven für die Zeit nach Corona! Wir touren dann einfach als Katzenbändiger durch die Lande und führen euch vor, was er so gelernt hat.

Fotos: © Andrea Halbritter

Ihr habt Teil 1 meines Corona-Tagebuchs verpasst? Dann klickt mal hier!

Zu Teil 3 geht es hier.

Falls euch der Artikel gefallen hat, würde ich mich freuen, wenn ihr in teilt. Merci!

 

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