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Als Deutsche während der Corona-Krise in Frankreich (Teil 1)

Wie ich als Übersetzerin und Texterin die Corona-Krise am französischen Atltantik erlebe

Während der Corona-Krise als Deutsche in Frankreich I

Präludium

 

“Haben die Lehrer mit euch über den Coronavirus gesprochen?”

Langgezogenes französisches Ouaaaaais.

“Was hat deine Lehrerin dazu gesagt?”

“Na, dass es einen Virus gibt. Dass es selten ist, dass Kinder dran sterben. Dass wir uns regelmäßig die Hände waschen sollen.”

“Hat sie euch gefragt, wo ihr in den Ferien wart?”

Noch länger gezogenes französisches Ouaaaaaaaaaaaaaaaaais.

Heute machen wir mal wieder einen auf Kaugummi. Wie halt so oft bei zukünftigen Tee-Nagern.

“Was wollte sie denn genau wissen? Sag doch mal!”

“Ob welche in Italien waren und noch so in ein paar anderen Ländern …”

Na, da kommen wir der Sache doch schon näher. Die Würmer treten aus der Nase.

“Und? War jemand in Italien oder in den anderen Ländern?”

 

Corona-Krise in La Baule

Beim ersten Corona-Fall in der Loire-Atlantique handelt es sich um einen Wochenendgast in La Baule

Gelangweiltes französisches Noooooooooon.

Uff! Ich spüre gerade, wie sich bei mir Erleichterung breit macht, als meine Tochter ansetzt:

“Aber weißt du, die Tante von xy, die auch in meiner Klasse ist … “

“Ja???”

“Na, also die Tante von xy, die auch in meiner Klasse ist … Das ist die Frau, die mit Corona in Nantes im Krankenhaus liegt.”

Ich schlucke: “Hat xy ihre Tante gesehen?”

Langgezogenes französisches Ouaaaaaais.

Dann hinterhergeschoben: “Enfin, elles ont téléphoné quoi !”

Uff, sie haben nur telefoniert!

Das war vor etwa zwei Wochen, also Anfang März. Inzwischen überstürzen sich die Ereignisse. In Deutschland, in Frankreich, in der Welt. Das Virus breitet sich aus, hat sich ganz offiziell zur Pandemie entwickelt. Meine 11-jährige sitzt zu Hause.

Tag 0 als Übersetzer und Texter in der französischen Corona-Krise

Unterrichtsfrei, aber keine Corona-Ferien

14.03.2020: Seit zwei Tagen ist raus, dass die französischen Schulen schließen.

Die einen hatten sich das gewünscht. Die anderen wollten es verhindern. Ich gehöre zur ersten Gruppe. Auch wenn mein Alltag dadurch um einiges schwieriger wird.

Wohnraum ist in Pornichet teuer. Wir haben daher kein Wohnzimmer, sondern ein Büro. Und meine Tochter hat ein Kinderzimmer, das man in Deutschland als mittelgroße Abstellkammer klassifizieren würde. Sie kann es zum Schlafen nutzen. Sie kann dort auch ihre Klamotten lagern und ein paar Bücher. Aber das war’s. Zum Spielen ist kein Platz.

Dafür sind es nur zehn Fußminuten bis an den Atlantik. Und fünf Minuten zum nächsten Spielplatz. Der ist aber derzeit tabu. Für uns jedenfalls.

Meine Tochter hat von ihrer Lehrerin einen Stapel Aufgaben bekommen. Grammatik, Mathematik, Geografie, Literatur … Ab nächster Woche steht außerdem ein Lernportal zur Verfügung. Also keine Corona-Ferien.

Für mich auch nicht. Meine Auftragslage ist bisher eher gut. Solange dem so ist, will ich klotzen, was geht.

Schulfrei in Frankreich wegen Corona-Virus

“Waaaaaaaaaaas? Soooo viel?”

Offiziell coronafrei

Offiziell ist unsere Gegend coronafrei. Offiziell.

Genau genommen gab es einen Fall in La Baule. Die Tante von xy, die oben schon erwähnt wurde.

Eine Ärztin, die im Departement Oise einen Patienten mit Corona versorgt und dann ihre Mutter in La Baule besucht hatte. Sie hatte aber kaum Kontakt zu anderen Personen.

Das Departement Morbihan gilt schon länger als Krisenherd. Es liegt quasi vor unserer Haustür. In etwa 50 km Entfernung.

Durch den Podcast der Berliner Charité und regelmäßige deutsche Pressekonferenzen fühle ich mich einigermaßen informiert über das Virus. An französischen Infos dringt bisher nur wenig zu mir durch.

Ich habe nicht den Eindruck, dass dies unbedingt an mir liegt. Auch meine französischen Bekannten waren über die Situation in Frankreich und das Virus im Allgemeinen nur wenig informiert. Podcasts wie den der Charité in Berlin konnte ich bisher auf Französisch nicht entdecken. Entweder es gibt sie nicht oder sie verstecken sich gut.

Corona-Virus in der Bretagne

Die Natur in Pornichet gibt es idyllisch wie immer.

Frischluft und Wald tanken

Nach wochenlangem Regen lässt sich heute mal wieder die Sonne blicken. Ich muss raus, laufen. Die viele Schreibtischhockerei ist auf die Dauer ungesund. Ich habe Lust auf Pinien, auf Meer, auf eine Ecke, die ich nur wenig kenne. Wir fahren nach Pen Bron, parken bereits am Anfang der Landzunge, laufen durch den Wald und dann auf einem schmalen Sandpfad über die Dünen Richtung La Turballe.

Ein leichter Wind weht uns um die Ohren. Uns begegnen ein paar Hundebesitzer. Auch eine Familie mit Kindern ist unterwegs. Nach drei Stunden treten wir den Rückweg an. Der Magen knurrt.

Wald bei La Turballe

Füße vertreten im Pinienwald von Pen Bron

Auf der Suche nach Essbarem

Zur Motivation hatte ich meiner Tochter für nach der Wanderung Chichis versprochen. In Spanien nennt man sie Churros. Die werden bei uns in der Gegend am Wochenende ganz gern angeboten.

Am Chichis-Stand angekommen sehen wir uns einer Schlange gegenüber. Vorwiegend junge Leute. Manche mit Kids. Wir warten in gebührendem Abstand. Meine Tochter hat Angst, dass sich jemand dazwischen drängt. Währenddessen beobachte ich das Personal.

Kassieren, Finger auf den Crêpes, Papiertüten für die Chichis auseinanderfalten, Finger auch auf der Innenseite …

In Normalzeiten hätte mich das wohl nicht gestört. In Zeiten von Corona schon. Ich mache meiner Tochter klar, dass wir stattdessen zum Bäcker gehen. Dort ist es nicht besser. Die Verkäuferin fasst das Gebäck mit ihren Fingern an, kassiert mit derselben Hand. Wir gehen.

Meine Tochter ist sauer: “Du mit deinem Conora!” “Corona!” “Sag ich doch!”

Schließlich kaufen wir im Tante-Emma-Laden einen verpackten Industriekuchen.

Auf dem Nachhauseweg sehen wir einen Vater mit etwa acht Jugendlichen auf dem Basketballplatz. Andere hängen vor der Grundschule ab. Die Geschäfte sind voller Rentner, die eigentlich zu Hause bleiben sollten.

Liberté, égalité … Toujours und bis zum bitteren Ende? Unweigerlich denke ich an Zigarettenwerbung.

Die Gelbwesten rufen zu Demos auf.

Am Abend wird uns verkündet, dass weitere Maßnahmen folgen. Damit die Leute zu Hause bleiben. Kein Wunder!

Saint Nazaire in der Corona-Krise

Einer meiner Lieblingsstraßenzüge in Saint Nazaire

Tag 1 als Übersetzer und Texter in der französischen Corona-Krise

Schotten dicht

15.03.2020: Frankreich klappt die Bürgersteige hoch. Schotten dicht.

Wie gestern angekündigt haben alle Geschäfte zu. Nur Apotheken, Banken, Lebensmittel- und Tabakläden dürfen öffnen. Lebensnotwendige Geschäfte. Die Debatte, ob Tabak nun lebensnotwendig ist oder nicht, läuft auf Facebook heiß. Für den sozialen Frieden wohl schon. Und außerdem: Soll man die armen Tröpfe, die jetzt bei Feuerwehr, Polizei oder in Krankenhäusern Dienst leisten, auch noch ihres Suchtmittels berauben, so sie es denn brauchen? Wohl eher nicht.

Schlagabtausch in einer lokalen Facebook-Gruppe. Eine Bar in Saint Nazaire hat verbotenerweise doch aufgemacht. Der Inhaber setzt sich wortgewaltig zur Wehr. Freiheit versus Verrat, Verantwortung versus Profitmacherei. Es hagelt Anfeindungen. Von beiden Seiten. Heißblütige Franzosen halt.

Draußen pfeifen die Vögel. Der Frühling steht vor der Tür. Mein Kater auch.

Mit Kind und Kater während der Corona-Krise in der Bretagne

Unser Kater

Inventur

Unser Vorrat beläuft sich auf:

3 Liter Wasser, 2 Liter H-Milch, 1 kg Zucker, 500 g rote Linsen, 250 g grüne Linsen, 250 g Kakao, 250 g Haferflocken, 500 g Dinkelflocken, 1 kg Halbvollkornreis, 1 kg Dinkelspaghetti, 500 g Lasagneplatten, 1,5 kg Dinkelmehl, 3 Packungen Backpulver, 250 g Mohn, 1 Packung deutsches Vollkornbrot, 1 Packung Pumpernickel, 6 Scheiben Vollkorntoast, 2 Dosen Tomaten, 1 Dose Kokosmilch, 1 Glas grüne Oliven, 1 Glas Apfel-Mango-Kompott, 1 Dose Fisch, 1 Glas Senf, 1 Packung Räuchertofu, 1 Glas Gemüsebrühpulver, 1/2 Glas Miso, 500 g schwarzer Tee, etwa 10 cm frischer Ingwer, etwa 10 cm frischer Kurkuma, 500 g Magerquark, 200 g geriebener Emmentaler, 1 Packung Feta, 1/2 Glas Honig, 2 Nems, 1 gelbe Paprika, 3 Orangen, 1 kg Äpfel, 3 Eier, 1 Blumenkohl, 1 kg Karotten, 1 Süßkartoffel, 200 g Champignons, 1 Zitrone, 5 Bananen, 1 Mango, 1,5 kg Kartoffel, jede Menge Gewürze und 12 Rollen Klopapier dreilagig.

Außerdem 15 Dosen Katerfutter und 3 kg Katerkroketten.

Sollte uns das Klopapier ausgehen, stehen uns Tonnen Altpapier zur Verfügung. Also no panic für deutsche Hintern.

Gehortet haben wir nicht,  obwohl es möglich gewesen wäre. Beim Einkaufen war ich schon am Donnerstag, bevor die gierige Meute über die hiesigen Supermärkte herfiel.

Gefrühstückt wird mit dem SPIEGEL. Davon habe ich die Woche mal wieder ein Exemplar ergattert. STERN war schon aus.

Als Übersetzer während Corona in La Turballe

Auf dem Weg von Pen Bron nach La Turballe

Die lieben Mitmenschen

Die Facebook-Gemeinde spaltet sich. In Ignoranten, Weltuntergangs-Ankündiger, Verschwörungstheoretiker, Mutter Theresas und Egoisten. Einige Kontakte posten Videos ihrer letzten Party.

Endzeitstimmung. Lieber gestern nochmal kräftig gefeiert als morgen weiterleben.

Keine jungen Menschen, eher Middle Age, so wie ich. Eine Bekannte erzählt voller Stolz, dass sie am Abend noch einmal in einem gut besuchten Lokal essen war. Alles klar. Das Virus hat am Freitag zum Dinner sicher extra für sie eine Pause eingelegt.

Ein anderer Kontakt ruft dazu auf, an Seniorenheime Zeichnungen zu schicken. Zur Aufmunterung der Heimbewohner. Besuche in Altenheimen sind ab sofort untersagt.

Wahlen in Frankreich Corona Pornichet

Gähnende Leere rund ums Wahllokal in Pornichet

Mit dem eigenen Stift zur Wahl

Die Wahlen finden aber statt. In ganz Frankreich. Und auch in Bayern. Schlagabtausch zwischen Wahl-Befürwortern und Wahl-Verweigerern.

Nach den Gelbwesten ruft nun auch Pegida zu Demos auf. Ich bemerke Anzeichen von Sarkasmus an mir. Vielleicht werden wir unsere Rechtsextremisten ja doch noch los! Natürliche Selektion quasi. So blöd das klingt. Ich beschließe, an Karma und an eine höhere Gerechtigkeit zu glauben.

Am Nachmittag mache ich mich in mein Wahllokal auf. Erste Wahl in Frankreich. Meine Tochter schaut Videos. Der Spaziergang tut mir gut. Eine halbe Stunde hin, eine halbe zurück. Die Vögel zwitschern, die Sonne scheint, die ersten Osterglocken blühen. Eine herrliche Frühjahrsstimmung. Ach, da war doch noch was … Corona!

Vor dem Wahllokal gähnende Leere. Im Wahllokal auch. Mit Stift bewaffnet. Und mit Desinfektionsmittel für die Hände. Seit der Chemotherapie meiner Mutter habe ich immer Desinfektionsmittel zu Hause. Eingekauft wird die Jahresration im Sommer in Deutschland. In Normalzeiten sind Desinfektionsmittel dort viel billiger als in Frankreich. In Normalzeiten! Was ist eigentlich noch normal? Ich fühle mich wie in einem Science-Fiction. Wann ist dieser Film eigentlich zu Ende?

Deutsches Familienleben in der Bretagne während Corona

Rosa Sprenkelkuchen für mutige Erstwähler

Auszeit mit Kuchen

Zu Hause erwartet mich meine fast 11-jährige mit selbstgebackenem Kuchen. Na, da hat sich aber einer sinnvoll beschäftigt während meiner Abwesenheit. Zuerst noch einmal gründlich Hände waschen. Dann Tee mit Milch, heiße Schokolade und Schokokuchen mit Bananen. Ein paar Streusel sind auch drauf. Rosa natürlich. “Hey, ich hab gar keine heiße Schokolade bekommen!” Okay, ups, das war wann anders.

Grenzen zu

16.13 Uhr: Die Tagesschau kündigt an: Deutschland schließt seine Grenze zu Österreich, Frankreich und zur Schweiz. Am Montag um 8 Uhr. Deutsche Staatsbürger dürfen aber weiter einreisen. Ob Grenzschließungen jetzt noch was bringen?

Eine Bekannte ist in Marokko gestrandet, eine andere in Indien. Die Mutter einer Freundin sitzt in Tunesien fest. Ein Kollege in Portugal. Meine Familie befindet sich in Bayern und Hessen. Eine weitere Kollegin schlägt sich auf dem afrikanischen Kontinent sprichwörtlich durch den Busch. Ich wollte mich eigentlich in drei Wochen nach Bayern aufmachen. Zu den Befreiungsfeiern. Für einen Monat. Die sind natürlich abgesagt.

Unverantwortlich und desinformiert

Computer hochgefahren.

17.39 Uhr: Die beliebtesten Twitter-Hashtags in der Kategorie Frankreich sind #confinement und #irresponsable. Das eine bedingt das andere.

Ein Kumpel meldet sich: Er will zu unserem nächsten Networking-Event im April kommen. Das ist natürlich schon längst abgesagt. Von Corona hat er bisher kaum was gehört.

Eine Freundin berichtet mir, dass Corona an ihrem 70-jährigen Nachbarn komplett vorübergegangen ist. Er hat keinen Fernseher und kein Internet. Zeitung liest er auch nur selten.

On n’est pas sortis de l’auberge, wie der Franzose sagt. Da steht uns noch was bevor!

Zu Teil 2 meines Corona-Tagebuchs geht es hier.

Teil 3 findest du hier.

Fotos: © Andrea Halbritter

Andere Artikel über mein Leben als Übersetzerin und Texterin in Frankreich:

Bei Landbesetzern in Brétignolles-sur-Mer

Übersetzer unter Gelbwesten

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