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Einfache und Leichte Sprache sind im Gesundheitsbereich besonders wichtig

Krankenhaus

Das Jahr 2020 hat uns mit Corona gezeigt: Einfache und Leichte Sprache sind im Gesundheitsbereich ganz besonders wichtig!

In diesem Artikel erfährst du,

– warum Übersetzungen in Leichte Sprache im Gesundheitsbereich unverzichtbar sind;

weshalb auch Gesundheitsinfos in Einfacher Sprache benötigt werden;

– an wen sich Leichte und Einfache Sprache richten;

– was die Unterschiede zwischen beiden Sprachformen sind;

– welche Informationen im Bereich der Gesundheit unbedingt in Leichte und Einfache Sprache übersetzt werden sollten. 

 

Auf Einfache und Leichte Sprache darf im Gesundheitsbereich nicht verzichtet werden

Corona-Unwissenheit in Deutschland

Als Mitte März immer mehr die Rede von Corona war, existierten über das neuartige Virus und Covid-19 noch kaum Informationen in Leichter oder Einfacher Sprache. Als Übersetzerin in Leichte und Einfache Sprache war ich eine der ersten, die am 9. März 2020 Informationen über das Coronavirus in leicht verständlichem Deutsch veröffentlichte. Mein Artikel Informationen zum Corona-Virus in Einfacher Sprache wurde sogar von hochrangigen Beamten und Politikern geteilt. Gemeinden verlinkten auf meinen Blog, um ihre Bürgerinnen und Bürger auch in Einfacher Sprache über das Virus zu informieren.

Die Informationslage in leicht verständlichem Deutsch hat sich seither verbessert. Noch immer fehlen jedoch Informationen über das Coronavirus, Covid-19 und andere Krankheiten in Leichter und Einfacher Sprache.

Infos in Leichter Sprache fehlen im Gesundheitsbereich

Werkstatt für behinderte Menschen

Immer noch erreichen mich als Übersetzerin verzweifelte Nachrichten von Sozialpädagogen, Erzieherinnen und anderen Berufsgruppen wie diese hier:

“Ich bin Mitarbeiterin in einer größeren Behinderteneinrichtung in […] Wir betreiben vielfältige Wohnangebote und auch eine WfbM [Werkstatt für behinderte Menschen]. Ich selbst arbeite in einem Wohnangebot mit mehreren Wohnheimen. Mehrere unserer Wohnheime sind von Covid-19 betroffen. Aus unserem Wohnbereich besuchen viele eine WfbM. Sie werden von einem Fahrdienst aus unseren Wohnungen abgeholt oder sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Unsere Bewohner haben große Angst um ihre Gesundheit. Sie haben eine leichte geistige Behinderung. Sie erfahren viel über TV, Zeitung, Freunde und Bekannte. Was sie hören und lesen, verstehen sie nur teilweise. Meist stehen keine Informationen in Leichter Sprache zur Verfügung. Was sie hören, können sie überhaupt nicht einordnen.”

“Ich bin Sozialpädagogin in einem Wohnheim für Menschen mit einer geistigen Behinderung. Unsere Bewohner äußern teils total obskure Querdenkertheorien. Manche meinen, man will ihnen Chips einpflanzen. Sie wollen sich deswegen nicht impfen und auch nicht testen lassen. Sie haben Angst. Auch Hygienemaßnahmen verstehen sie nicht unbedingt oder schaffen es nicht, sich daran zu halten. Sie werden im Alltag mit sehr vielen Informationen in schwerem Deutsch konfrontiert, von denen sie die meisten nicht wirklich verstehen. Sobald sich Hygienevorschriften verschärfen oder sich Maßnahmen ändern, bricht bei uns Panik aus. Manche haben Angst vor jedem Kontakt. Andere besuchen viele Leute und sind total unvorsichtig. Leichte Erklärungen sind wichtig. Wir brauchen viel mehr Informationen in Leichter Sprache.” 

Ärzten fehlen Infos in Einfacher Sprache

Auf dem Bild sieht man eine gezeichnete Ärztin

Eine Ärztin in Berlin-Neukölln berichtet in einem Interview mit rbb|24 am 24.12.2020 Ähnliches: “Die Leute wissen nicht, worum es bei dieser Pandemie geht.”

Die Berliner Ärztin beklagt, dass viele Menschen nicht wüssten, was bei Symptomen zu tun sei. Patienten mit Husten, Halsschmerzen usw. stünden unangekündigt einfach so in der Praxis. Viele wüssten nicht, was es heiße, Kontaktperson zu sein. Ebenso sei nicht bekannt, was eine Inkubationszeit sei. Das Vorurteil, einmal negativ getestet, immer negativ, halte sich bei manchen hartnäckig. Personen blieben nicht zu Hause, obwohl sie an Covid-19 erkrankte Familienmitglieder hätten. Die Corona-Unwissenheit sei groß.

Die Lösung: Gesundheitsinformationen in Leichter und Einfacher Sprache

Am Ende des Interviews stellt rbb|24 der verzweifelten Ärztin die Frage, wie der Berliner Senat kommunizieren müsse, damit wirklich alle Bürgerinnen und Bürger verstünden, was wichtig sei. Die Antwort der Ärztin ist einfach: Benötigt werden Informationen in Einfacher Sprache, gerne auch mit Bildern. Broschüren, Briefe und Webseiten, die vermitteln,

– wie man sich und andere schützen kann;

– wie man sich verhält, wenn man Symptome hat;

– was Corona zum Beispiel von einer Erkältung unterscheidet;

– wie man sich mit einem Covid-19-Fall im eigenen Haushalt verhalten sollte

Laut der interviewten Ärztin liegt es häufig nicht am Willen, sondern am Corona-Unwissen und vor allem am Fehlen regelmäßiger Gesundheitsinformationen in leicht verständlichem Deutsch. Zu selten wird leicht erklärt.

 

Einfache und Leichte Sprache im Bereich Gesundheit: die Unterschiede

Leichte und Einfache Sprache sind beide leicht verständliche Formen des Deutschen. Leichte Sprache ist extrem vereinfacht und damit am leichtesten verständlich. Patienteninformationen in Leichter Sprache sowie andere Texte in Leichter Sprache werden immer illustriert. Die Regeln für Gesundheitsinfos in Leichter Sprache sind klar festgelegt.

Die Hauptzielgruppe von Leichter Sprache sind Menschen mit einer leichten oder mittelgradigen geistigen Behinderung. Mit Leichter Sprache wäre also Menschen in WfbMs und Wohnheimen für Menschen mit einer geistigen Behinderung wesentlich besser geholfen als mit Übersetzungenin Einfache Sprache.

Einfache Sprache gibt es in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Sie kann, muss aber nicht bebildert werden. Die Zielgruppen von Einfacher Sprache sind zum Beispiel Migrantinnen und Migranten mit geringen Deutschkenntnissen, sogenannte “bildungsferne Schichten” oder Menschen, die unsicher lesen. Den meisten Patienten und Patientinnen der Berliner Ärztin wäre vermutlich mit Gesundheitsinfos in Einfacher Sprache auf dem Niveau B1 geholfen.

Mehr über die Unterschiede zwischen Leichter und Einfacher Sprache erfährst du in meinem Artikel Einfache und Leichte Sprache.

 

Infos im Gesundheitsbereich gibt es vor allem in schwerem Deutsch

Auf der Zeichnung sieht man eine Frau mit einer Sprechblase, darin ein Fragezeichen.

Die Realität in Deutschland sieht derzeit so aus: Sei es Covid-19 oder eine andere Krankheit, zahlreiche Gesundheitsämter, Krankenkassen, Patientenverbände und Gemeinden informieren ausschließlich oder vorwiegend in Standarddeutsch.

Je nachdem, wer die Texte verfasst hat, fallen diese unterschiedlich schwer aus. In der Regel sind sie aber für Menschen mit reduzierten Deutschkenntnissen nur schwer bis kaum und für Menschen mit eingeschränkten intellektuellen Fähigkeiten gar nicht zu verstehen. Erfreuliche Ausnahmen, die gut verständliche Erklärungen liefern, bestätigen die Regel.

Manchmal sind Infos vorhanden, man muss sie aber länger suchen. Oder aber Patienteninformationen in Leichter Sprache befinden sich nicht auf einer bestimmten Website, sondern werden verlinkt. Bis man zu den Patienteninfos gelangt (oder auch nicht), die man sucht, sind dann schnell drei bis vier Klicks nötig. Ein No-Go, besonders für Menschen mit einer geistigen Behinderung.

Von Inklusion ist vielerorts nur wenig bis gar nichts zu spüren, eher schon von Nixklusion. Übersetzungen in Leichte und Einfache Sprache fehlen.

 

Infos im Gesundheitsbereich, die in Einfacher und Leichter Sprache zur Verfügung stehen sollten

Menschen, die schweres Deutsch nicht verstehen, werden genauso krank wie andere auch. Sie infizieren sich mit Corona oder HIV. Sie bekommen Krebs, Allergien, Erkältungskrankheiten, chronische Krankheiten. Sie müssen operiert werden, benötigen Physiotherapie, Psychotherapie und Medikamente. Sie müssen die Gelegenheit bekommen, sich genauso zu schützen und Krankheiten genauso vorzubeugen wie andere Menschen auch.

Gesundheitsinformationen in Leichter und Einfacher Sprache werden daher immer dann benötigt, wenn auch in Standarddeutsch informiert wird.

Eine kurze Übersicht über Gesundheits- und Patienteninformationen, die in leicht verständlichem Deutsch zur Verfügung stehen sollten, habe ich hier zusammengestellt:

 

– Patienteninformationen zu Krankheiten

– Artikel über psychische Gesundheit

– Informationen über Gesundheitsangebote und Rehamaßnahmen

– Infos über Impfungen und Operationen

– Infos über Gesundheitsgefahren

Patienteninfos zu Hilfsmitteln

– Möglichkeiten von Gesundheitsförderung und Prävention

– Informationen zu Ernährung

– Gesundheitsprogramme

Antragsformulare

– Beipackzettel von Medikamenten

– Patientenzeitschriften

– Reisen und Gesundheit

– Schutz- und Hygienekonzepte

– Ratgeber

– Websites von Krankenkassen, Krankenhäusern, Gesundheitsämtern, Ärzten und anderen Akteuren im Gesundheitsbereich

 

Corona zeigt uns, dass von leicht verständlichem Deutsch nicht nur die Menschen profitieren, die Leichte oder Einfache Sprache benötigen, sondern wir alle. Worauf warten wir noch?

 

Du möchtest eine Übersetzung in Einfache oder Leichte Sprache im Gesundheitsbereich in Auftrag geben? Ein kostenloses und unverbindliches Angebot erstelle ich dir gerne.

 

Leichte-Sprache-Übersetzerin Andrea Halbritter

Zur Autorin dieses Artikels:

Andrea Halbritter ist Germanistin und Romanistin mit 2. Staatsexamen. Mit leicht verständlichem Deutsch beschäftigt sie sich bereits seit über 20 Jahren. Seit 2019 ist sie vom Netzwerk Leichte Sprache e. V. zertifiziert. Am Zentrum für Naturheilkunde München hat sie außerdem einen Lehrgang zur Entspannungstrainerin abgeschlossen.

Im Gesundheitsbereich fertigt Andrea Übersetzungen vom Französischen ins Deutsche sowie vom Standarddeutschen in Leichte und Einfache Sprache an.

Drei Jahre lang war sie als Redakteurin, Übersetzerin und Community Managerin für eine Gesundheitsplattform und verschiedene Forschungsabteilungen der Pharmaindustrie tätig. Ihre Spezialgebiete im Bereich Gesundheit: chronische Krankheiten, Psychologie, Psychiatrie, Ernährung, Entspannungsmethoden.

Illustrationen:  © Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung Bremen e.V., Illustrator Stefan Albers, Atelier Fleetinsel, 2013

 

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