Für einen Satz in Leichter Sprache das ideale Prädikat zu finden kann ganz schön schwer sein. Oft zögern Übersetzer*innen in Leichte Sprache zwischen mehreren Verben. Vielleicht geht es dir auch immer mal wieder so! Eventuell fällt dir manchmal sogar gar kein Prädikat ein. In diesem Blogartikel zu sprachlicher Inklusion erfährst du, was ein optimales Prädikat in Leichter Sprache ausmacht.
Das optimale Prädikat für einen Satz in Leichter Sprache
Hoppla: Prädikat, Verb …? Das soll ein leicht verständlicher Text sein? Was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen einem Verb und einem Prädikat? Ganz einfach: Ein Verb ist eine Wortart und ein Prädikat ist ein Satzglied. Um es noch komplizierter zu machen: „Prädikat“ beschreibt die Funktion eines Verbs im Satz. Alles klar? Nö. Macht nichts. Welche Prädikate in deinem Satz in Leichter Sprache ideal sind und welche nicht, lernst du mit folgenden Punkten trotzdem:
#1 Das Prädikat muss ein leichtes Wort sein
Wie alle anderen Wörter deines Leichte-Sprache-Textes sollte das von dir gewählte Verb ein leichtes Wort sein. Das heißt: Idealerweise ist dein Prädikat kurz. Am besten hat es nur zwei Silben, höchstens aber drei. Das Prädikat, das du in einem Satz in Leichter Sprache einsetzt, sollte mündlich oft verwendet werden. Es muss einen großen Bekanntheitsgrad haben und ein typischer Vertreter seines Wortfelds sein.
Ein solches leichtes Wort ist zum Beispiel „sagen“. Es ist kurz, hat eine hohe Frequenz und keine Zusatzbedeutungen (wie ‚laut‘, ‚undeutlich‘ …), die einzelnen Leser*innen vielleicht entgehen. Die Verben „flüstern“, „rezitieren“, „lispeln“, „kreischen“ oder „herunterleiern“ sind dagegen weit schwieriger, auch wenn manche davon kurz sind. „Rezitieren“ ist sogar ein Fremdwort und damit in Leichter Sprache sowieso tabu. Ein weiterer typischer Vertreter des Wortfelds „sagen“ ist „reden“.
Wie häufig ein Wort ist, kannst du ganz bequem im Online-Duden nachschauen. Dazu tippst du dein Wort in eine Suchmaschine ein und setzt „Duden“ dazu. Die von dir ausgewählten Verben sollten im Duden idealerweise vier oder fünf Striche haben. Manchmal reichen auch drei.
#2 Verwende nur selten Modalverben
Bei der Wahl des richtigen Prädikats für deinen Satz in Leichter Sprache musst du jedoch noch mehr beachten. Modalverben, wie „müssen“, „sollen“, „können“, bereiten aus verschiedenen Gründen Schwierigkeiten.
Modalverben verändern den Sinn des Vollverbs
Sätze mit Modalverben sind oft schwer verständlich. Dies liegt daran, dass Modalverben den Sinn Vollverbs verändern, indem sie eine Art und Weise angeben. Modalverben beschreiben Verbote, Möglichkeiten, Wünsche, Absichten, Verpflichtungen und Erlaubnisse:
Du darfst nicht in die Disco gehen. (Verbot)
Du kannst ins Kino gehen. (Möglichkeit/Erlaubnis)
Ich möchte ins Kino gehen. (Wunsch)
Ich muss die Küche putzen. (Pflicht)
…
Wenn du in deinem Satz in Leichter Sprache ein Modalverb verwendest, muss deine Leserschaft den Sinn des Modalverbs genau erfassen können. Sie muss auch verstehen, was dies Verwendung des Modalverbs für die Aussage des Satzes bedeutet. Manchmal kann dies ganz schön schwer sein – vor allem für Menschen mit einer geistigen Behinderung. Teils aber auch für Deutschlernende. Nicht jede Sprache unterscheidet zum Beispiel zwischen „sollen“ und „müssen“. Manche Sprachen besitzen Verben, die beides bedeuten können. In Französisch ist das mit dem Verb „devoir“ so.
Modalverben machen die Sätze in Leichter Sprache länger
Sätze mit Modalverben sind länger und schwerer lesbar. Wenn du auf Modalverben verzichtest, ist dein Satz in Leichter Sprache kürzer und besser lesbar. Häufig kannst du Modalverben in Sätzen tatsächlich weglassen. Oder du formulierst deinen Satz in Leichter Sprache so um, dass du kein Modalverb brauchst. Ein paar Beispiele zeige ich dir jetzt:
Sätze mit und ohne Modalverb I
Möchtest du morgen mit mir ins Kino gehen? [ = Satz mit Modalverb]
Sollen wir morgen zusammen ins Kino gehen? [ = Satz mit Modalverb]
Kannst du morgen mit mir ins Kino gehen? [= Satz mit Modalverb]
Gehst du morgen mit mir ins Kino? [ = Satz ohne Modalverb]
Sätze mit und ohne Modalverb II
Wir wollen, dass alle Menschen in eine günstige Wohnung ziehen können [= Satz mit Modalverb].
Wir wollen, dass alle Menschen eine günstige Wohnung haben. [= Satz ohne Modalverb]
Wir entscheiden uns noch, wo wir ein Wohnheim bauen wollen. [= Satz mit Modalverb]
Wir entscheiden uns noch, wo wir ein Wohnheim bauen. [= Satz ohne Modalverb]
Wir entscheiden uns noch: Wo bauen wir ein Wohnheim? [Sätze ohne Modalverb]
Modalverben können für Satzklammern sorgen
Oft kommt es mit Modalverben auch zu Satzklammern. In ein paar der Beispiele oben ist dies der Fall. Im Satz „Möchtest du mit mir morgen ins Kino gehen?“ wird das wichtige Verb „gehen“ an das Satzende verschoben. Das Modalverb „möchtest“ und „gehen“ umschließen den Rest des Satzes. Während manche Satzklammern noch überschaubar sind und der Satz verständlich bleibt, ist dies bei anderen nicht der Fall. Schwierig wird’s vor allem auch dann, wenn andere Anforderungen dazukommen: ein komplexes Thema, unbekannte Wörter …
#3 Vermeide in deinem Leichte-Sprache-Satz trennbare Verben
Zu Satzklammern kann es aber noch aus anderen Gründen kommen. Eine Satzklammer entsteht im Deutschen oft auch deshalb, weil dein Verb trennbar ist. Trennbare Verben bestehen aus einer betonten Vorsilbe und einem Grundwort, zum Beispiel: „vorlesen“, „zubereiten“, „anrufen“, „zumachen“, „aufmachen“. Je nach Satz können durch trennbare Prädikate Satzklammern entstehen:
Beispiel:
Bettina liest ihrer Mutter vor.
Stefanie bereitet das Essen zu.
Nicht immer kannst du solche Satzklammern vermeiden. Manchmal jedoch kannst du ein zweigeteiltes Prädikat durch ein anderes leichtes Verb ersetzen. Dann solltest du das auch tun und schreiben:
Stefanie macht das Essen.
Und nicht:
Stefanie bereitet das Essen zu.
Nicht immer fallen mir solche Lösungen sofort ein. Oft ertappe ich mich dabei, dass ich zunächst trennbare Verben verwende. Bei der zweiten oder dritten Überarbeitung meiner Sätze in Leichter Sprache ersetze ich zweiteilige dann durch einteilige Prädikate. Der Feinschliff quasi! Und wenn ich’s doch mal vergessen habe, mahnen es meine Prüfer*innen an.
#4 Kläre im inklusiven Team, ob dein Prädikat leicht oder schwer ist
Und damit bin ich auch schon bei Punkt 4. Du bist nicht sicher, ob die Prädikate in deinen Leichte-Sprache-Sätzen schwierig sind? Klär das mit deinen Prüfer*innen. Sie sind die Expert*innen für leicht verständliche Texte!
#5 Achte auf die richtige Zeitform deines Prädikats
Darüber, ob dein Prädikat verständlich ist oder nicht, entscheidet auch seine Zeitform. Verwende deshalb nur Zeitformen, die in Leichter Sprache erlaubt sind. Im Wesentlichen sind das Präsens („ich gehe“) und Perfekt („ich bin gegangen“). Selten ist auch Präteritum möglich („ich war“). Mehr über Zeitstufen in Leichter Sprache erfährst du auf meinem Blog in den Artikeln Wie du Zukünftiges ausdrückst und Welche Tempora verwendet Leichte Sprache?





