Als ich noch auf Facebook unterwegs war – seit über einem Jahr bin ich das (nicht ganz freiwillig) nicht mehr –, erteilte mir eine ältere Übersetzerkollegin immer mal wieder ungefragt Ratschläge. Ein sich wiederholender war: „Als Übersetzer*in solltest du nichts zu Politik posten. Damit schreckst du potenzielle Kundschaft ab.“ Auf meiner To-do-Liste stand seither ein Blogartikel zum Thema „Politik und Business: ja oder nein?“ Aber wie es so kommt: Es tauchten immer wieder andere Ideen auf, denen ich auf meinem Blog den Vorrang gab.
Die Blogparade #PolitikUndBusiness meines lieben LinkedIn-Kontakts Antonia Pointinger versetzte mir jetzt endlich den richtigen „Schubser“.
Politik und Business: Passt das für Übersetzer*innen zusammen?
Hier also nun meine Gedanken rund um Politik und Business – mit einem Fokus auf Übersetzung, wobei meine Überlegungen sicher auch für andere Freiberufler*innen interessant sind.
Übersetzer*innen, die Direktkunden finden wollen, sollten sich zunächst einmal Gedanken darüber machen, für wen sie eigentlich arbeiten möchten. Wie der ideale Kunde aussieht, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Hier spielt zunächst einmal der Bereich eine Rolle, auf den der*die Übersetzer*in spezialisiert ist. Wer zum Beispiel im Bereich Food unterwegs ist, wird eher kein Architekturbüro zu seinen Idealkunden zählen. Übersetzer*innen, die vor allem Tourismusübersetzungen liefern, träumen sicher nicht davon, für Anwaltskanzleien zu arbeiten.
Für mich ist wichtig, mit dem Kunden Werte zu teilen
Für mich persönlich ist aber nicht nur die Branche wichtig. Entscheidend ist für mich auch, dass ich mit dem Kunden bestimmte Werte teile. Diese sind zum Beispiel Fairness, Solidarität, Respekt, Übernahme von Verantwortung – für unseren Planeten und für andere Menschen.
Wenn mein Kunde ähnlich tickt wie ich, gehe ich mit mehr Freude an die Arbeit. Hat meine Kundschaft dagegen Ansichten, die meinen fundamental entgegenstehen, bekomme ich bei der Übersetzung Bauchgrummeln. Und zwar auch dann, wenn der Text diese Werte gar nicht transportiert.
Gleiche Werte – mehr Spaß beim Übersetzen
Allein zu wissen, dass ein Unternehmen seine Angestellten unfair behandelt, nimmt mir den Spaß an der Übersetzung. Ich möchte meine Zeit, meine Energie und meine sprachliche Begabung nicht für Firmen einsetzen, die gegen meine Werte verstoßen. Mir als Übersetzerin macht es ganz einfach mehr Freude, für Unternehmen zu arbeiten, die respektvoll mit ihren Mitarbeitenden umgehen, faire Löhne zahlen, Sklavenarbeit ablehnen und auf umweltfreundliche Techniken setzen. Unternehmen, die auch Menschen mit Behinderung eine Chance geben und die ihre Regenbogenfahne nicht abhängen, wenn Trump mit Zöllen oder Verboten wedelt.
Business und Politik: Überleg dir, für wen du nicht arbeiten willst
Ich bin der Meinung: Übersetzer*innen und andere Freiberufler*innen sollten sich nicht nur überlegen, für wen sie gern arbeiten würden, sondern auch, von wem sie auf keinen Fall Aufträge bekommen möchten. Die roten Linien sehen bei jeder einzelnen Person sicher ganz unterschiedlich aus, wie auch eines der ersten Round-ups auf meinem Blog zeigt: 6 Übersetzer*innen erzählen, warum sie Aufträge ablehnen. Oft sind dies Übersetzungen für rechtsradikale Auftraggeber, für Schwurbler*innen, frauenverachtende oder queerfeindliche Kunden. Manche Übersetzer*innen lehnen es auch ab, Aufträge von Rüstungs- oder Tabakindustrie anzunehmen. Und sicher gibt es auch Freiberufler*innen, die es sich nicht vorstellen können, für Kunden zu arbeiten, die nicht-vegane Produkte herstellen.
Wie du als Übersetzer*in Kunden anziehst, die zu dir passen
Wenn du Kunden anziehen willst, die auch wertemäßig zu dir passen, ist mein Tipp: Posaune deine eigenen Werte und Einstellungen in die Welt hinaus – und zwar parallel zu deinen Leistungen. Dies heißt jetzt nicht, dass du deine politische Einstellung in jeden Social-Media-Post integrieren sollst. Aber du darfst sie und deine Werte immer mal wieder durchblicken lassen.
Zeig dich und deine Werte auf Social Media
Dies geht zum Beispiel, indem du auf Social Media bei anderen Kontakten kommentierst oder indem du Projekte von anderen teilst, die du gut und wichtig findest. Ebenso kannst du auf LinkedIn, Instagram, Facebook oder Bluesky posten, was du in deiner Freizeit machst. Zum Beispiel das Wäldchen oder den Strand um die Ecke von Abfällen säubern, kostenlos Deutschunterricht für Geflüchtete geben oder abends Tee und Suppe an Obdachlose verteilen.
Leitbild und Werte gehören auch auf deine Website
Vielleicht hast du sogar ein Ehrenamt, in das du seit Jahren regelmäßig Zeit investierst? Dann sprich auch darüber auf deinen Social-Media-Kanälen. Du hast eine Website? Die Über-mich-Sektion deiner Übersetzerseite ist dazu da, dass dich Leute kennenlernen. Dazu gehören nicht nur deine berufliche Erfahrung und deine Ausbildung, sondern auch deine Persönlichkeit, dein Leitbild und deine Werte.
Business und Politik: für welche Dienstleister sich Kunden entscheiden
Stell dir vor, du möchtest eine Übersetzung oder eine andere Dienstleistung in Auftrag geben. Im Netz hast du mehrere Dienstleister gefunden, die dir von Erfahrung und Ausbildung ungefähr gleichwertig scheinen. Alle kennen sich in deinem Bereich aus, haben gute Bewertungen und scheinen Qualität abzuliefern. Der Preis variiert nicht erheblich. Für wen entscheidest du dich? Ziemlich sicher für die Person, die dir aufgrund ihres Fotos sympathisch ist und mit der du ähnliche Einstellungen oder sogar Hobbys teilst.
Gleich und gleich gesellt sich gern – auch im Business
Ich bin bereits seit 2013 als Übersetzerin und Texterin selbstständig. Mit meinen Werten und meinen politischen Ideen habe ich nie hinter dem Berg gehalten. Meine Einstellungen teile ich auf Social Media und auf meiner Website recht offen – auf meiner Über-mich-Seite, aber auch in verschiedenen Blogartikeln.
Auf meinem LinkedIn-Profil (und früher auch auf anderen Business-Plattformen) finden sich meine ehrenamtlichen Tätigkeiten. Zum Beispiel mein Engagement für Stolpersteine in Augsburg und meine Mitgliedschaft im Internationalen Dachau-Komitee sowie in anderen (teils recht linken) Verfolgtenorganisationen.
Meine Erfahrung mit Politik und Business
Meine Erfahrung in fast 13 Jahren als Übersetzerin ist: Gleich und gleich gesellt sich gern – auch im Business. Wenn du dich mit deinen Einstellungen zeigst, ziehst du Kunden an: Auftraggeber, denen es wichtig ist, mit Dienstleistern zu arbeiten, die nicht nur Qualität liefern, sondern die ähnlich ticken. Aus der Masse an Anbietern stichst du durch deine Werte und deine politische Einstellung heraus.
Echt und authentisch bringt Kunden
Denn seien wir ehrlich: Außer wenn du in einer absoluten Nische unterwegs bist, konkurrierst du als Freiberufler*in mit einer Menge von Anbietern, die ähnlich qualifiziert sind wie du. Gerade im Bereich der Leichten und Einfachen Sprache wählen mich Parteien, Vereine und andere Kunden aus, weil mein Herz links schlägt und ich Teil der solidarischen Marktwirtschaft bin. Oder aber weil ich queerfreundlich bin. Weil ich meine Prüfer*innen fair bezahle, ich mich für Frauenrechte einsetze und es mir nicht egal ist, wenn irgendwo im Mittelmeer ein Boot mit Geflüchteten untergeht.
Wiederum andere Auftraggeber sind frankophil und entscheiden sich für eine Leichte-Sprache-Expertin, die ebenso gern in Frankreich unterwegs ist – und zwar auch dann, wenn nicht aus dem Französischen übersetzt werden soll. Oder aber für eine Übersetzerin, die – wie sie selbst – neurodivergent oder alleinerziehend ist.
Business und Politik: Kunde vergrault – ja und?
Sicher vergraule ich auch andere Kunden, die mich für zu links, zu fortschrittlich, zu emanzipiert oder zu direkt halten. So what? Ich kann, will und muss nicht für alle arbeiten. Es gibt genügend potenzielle Kunden, mit denen ich ähnliche Werte teile. Und die ziehe ich nur an, wenn ich über das, was mir wichtig ist, kommuniziere. Sicher nicht in Dauerschleife, aber immer mal wieder.





