Für barrierefreie Texte falsche Assoziationen vermeiden

Tafel mit der Aufschrift "Teamwork" und in verschiedenen Farben aufgemalten Personen

Neulich ist mir auf Social Media ein peinliches Missverständnis passiert.

Ich hatte einen Post schnell gelesen, ihn geteilt und dabei mit einem Kommentar versehen. Erst Stunden später war mir durch die Antwort eines Followers auf Bluesky aufgefallen, dass mein Text quasi ein Griff ins Klo war.

Was war passiert?

Ein anderer Nutzer hatte einen Artikel aus dem Münchner Merkur mit dem Titel „Haushaltssperre schlägt zu: Kein Kopierpapier mehr für Schulkinder“ geteilt. Darüber hatte er geschrieben: „in der realschule poing (!) ist die kacke am dampfen. schüler wenden sich an landrat niedergesäß (!): “wollt ihr uns verarschen?!?“

Ich teilte den Post mit folgender Bemerkung: „Frei nach Marie-Antoinette: Sollen sie doch zuhause scheißen.“ Ja, nicht meine beste Formulierung, aber und zu mag ich es gern kernig und knackig.

Eine Stunde später häuften sich unter meinem Post die Bemerkungen:

„Ich hatte auch zuerst Klopapier gelesen.“

„Vor lauter Gesäß und Kacke habe ich auch Klopapier gelesen.“

„Bei uns an der Schule gibt’s auch häufig kein Klopapier.“

Hand aufs Herz: Hast du auch Klopapier gelesen oder warst du mit Kopierpapier auf der richtigen Seite?

Woher dieser Verleser kam? Wahrscheinlich, wie’s ein paar User*innen formulierten, tatsächlich von den Wörtern aus einem ganz anderen Gebiet (Gesäß, Kacke, verarschen), die sofort ganz andere Assoziationen hervorriefen. Die Folge: Statt „Kopierpapier“ las nicht nur ich „Klopapier“.

Zweiter Punkt: „Kopierpapier“ und „Klopapier“ unterscheiden sich nur durch einen Buchstaben. Und nun ja, fehlendes Klopapier an Schulen entspricht offenbar der Erfahrung so einiger Leute in Deutschland.

Von daher: 3 gute Gründe für einen Verleser.

Barrierefreie Texte erstellen: Learnings

Was wir daraus für unsere barrierefreien Texte lernen können:

  1. Es ist ungünstig, Wörter zu verwenden, die sich von anderen nur durch einen oder wenige Buchstaben unterscheiden.
  2. Die eigene Erfahrungswelt beeinflusst, wie wir Texte verstehen und auch, ob wir sie überhaupt verstehen.
  3. Wenn wir Missverständnisse und Verleser vermeiden wollen, müssen wir darauf achten, dass wir keine Assoziationen triggern, die in eine ganz andere Richtung gehen.
  4. Dich hat mein Beitragsbild in die Irre geführt? Ja, auch Zeichnungen und Fotos sollten gut ausgewählt sein, nicht nur in barrierearmer Kommunikation.

Bleibt zu hoffen, dass die Realschule Poing inzwischen wieder gut mit Kopierpapier versorgt ist und auch das Klopapier in nächster Zeit nicht ausgeht!

Frau mit schulterlangen blonden Haaren und grauen Strähnen, blauen Augen, Brille und grauem Mantel

Andrea Halbritter

Andrea Halbritter ist Germanistin mit 2. Staatsexamen und vom Netzwerk Leichte Sprache e. V. zertifiziert. Sie erstellt Texte in Leichter und Einfacher Sprache für NS-Gedenkstätten, Museen, politische Parteien und Gesundheitsbehörden. In den Sprachrichtungen Französisch-Deutsch und Englisch-Deutsch übersetzt Andrea vor allem im Bereich Wein.

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