Leichte Sprache: Schmeißt endlich das Passiv raus!

Tafel mit der Aufschrift "Teamwork" und in verschiedenen Farben aufgemalten Personen

Diese Woche war es mal wieder so weit: In einem kurzen Artikel, der vorgab, in Leichter Sprache verfasst worden zu sein, liefen mir gleich vier Konstruktionen im Vorgangspassiv über den Weg. Leider keine Seltenheit! Selbst erfahrene Übersetzer*innen in Leichte Sprache, die gut im Geschäft sind, verwenden immer wieder Passiv.

Wenn du weiterliest, erfährst du, warum man in Leichte-Sprache-Texten immer wieder Passiv findet. Außerdem erkläre ich dir, weshalb bestimmte Passivkonstruktionen schwer verständlich sind.

Du lernst, wie du Passiv vermeidest, und erfährst als Auftraggeber*in, wie du Übersetzer*innen findest, die dir leicht verständliche Texte ohne Passiv liefern.

Schluss mit Passiv in Leichter Sprache

Warum sich Passivsätze großer Beliebtheit erfreuen

Das Passiv hat den Vorteil, dass du den Agens nicht nennen musst. Beim Agens handelt es sich um die Person beziehungsweise den Ereignisbeteiligten, der ein Ereignis verursacht oder dieses bewusst kontrolliert.

In einem Aktiv-Satz entspricht der Agens dem Subjekt. In einem Passiv-Satz kann der Agens mit von + Substantiv oder durch + Substantiv angegeben oder weggelassen werden.

Beispiele:

Der US-Präsident wird nicht direkt vom Volk gewählt.

Agens ist in diesem Satz das Volk.

Der US-Präsident wird durch 538 Wahlmänner und -frauen gewählt.

Agens sind hier die 538 Wahlmänner und -frauen.

Eine Passivkonstruktion wird im Standarddeutschen vor allem dann gern gewählt, wenn der Agens unbekannt oder aber unwichtig ist, der Fokus also auf das Geschehen gerichtet werden soll.

Beispiel:

Bereits im Mai 2018 wurde in München-Neuhausen ein Einbrecher festgenommen. Bei ihm wurden ein gestohlenes Handy sowie Schmuckstücke und Goldmünzen gefunden. (Stadtmagazin München)

Wer die gestohlenen Gegenstände gefunden hat, ist in diesem Satz unwichtig. Der Fokus liegt vielmehr auf dem Auffinden der Gegenstände beim Verdächtigen. Als Genus Verbi wird daher das Passiv gewählt, welches das Weglassen des Agens ermöglicht.

Ähnlich verhält es sich im folgenden Satz:

Am Tatort konnten durch die Spurensicherung tatrelevante daktyloskopische und humanbiologische Spuren gesichert werden, welche durch Vergleiche zweifelsfrei der beobachteten 27-jährigen Münchnerin zugeordnet werden konnten. (Stadtmagazin München)

Im folgenden Satz ist der Agens unbekannt und wird daher nicht genannt:

Bei dem Anschlag wurden mindestens 50 Menschen getötet und mehr als 100 verletzt.

Absperrungen auf einem Stapel
Leichte-Sprache-Expertin Andrea Halbritter: “Werft endlich die Passivkonstruktionen aus euren Leichte-Sprache-Texten!”

Weshalb sind Passivkonstruktionen schwer verständlich?

Zweiteilige Struktur von Passivkonstruktionen

Mehrere Merkmale sorgen dafür, dass Konstruktionen im Vorgangspassiv schwer verständlich sind. Zum einen weist das Passiv immer eine zweiteilige Struktur auf. Zur Bildung des Passivs sind ein Hilfsverb und ein Vollverb erforderlich:

Der US-Präsident wird nicht direkt vom Volk gewählt.

Hilfsverb ist hier wird, Vollverb gewählt. Aufgrund der Klammerstruktur des Deutschen muss das Vollverb am Satzende stehen. Die Information, die für das Verständnis des Satzes benötigt wird, befindet sich damit am Schluss.

Hauptsätze im Aktiv bieten diese Information dagegen schon an zweiter Stelle, wodurch Sätze besser verständlich sind:

Das Volk wählt den US-Präsidenten nicht direkt.

Das Subjekt im Passivsatz ist nicht der Agens

Was Passivkonstruktionen ebenfalls schwer verständlich macht, ist ihre Semantik. In Aktivsätzen wird der Agens mit einem Subjekt angegeben. In Passivsätzen dagegen wird das Subjekt zum Patiens. Das heißt, mit dem Subjekt passiert etwas:

Der US-Präsident wird nicht direkt vom Volk gewählt.

Der US-Präsident ist in diesem Satz Subjekt, obwohl er nicht handelt.

In einem Aktivsatz dagegen handelt das Subjekt:

Kanzlerin Merkel hat Emmanuel Macron besucht.

Fehlender Agens

In vielen Passivsätzen fehlt der Agens:

Bei dem Einbrecher wurden Schmuckstücke gefunden.

Der US-Präsident wird nicht direkt gewählt.

Die Spuren konnten der 27-jährigen Münchnerin zugeordnet werden.

Der fehlende Agens muss von Leser*innen beziehungsweise Zuhörer*innen erst rekonstruiert werden. Dabei handelt es sich um eine Leistung, die von Menschen mit einer geistigen Behinderung eher nicht erbracht werden kann. Und auch für Menschen, die aufgrund einer Erkrankung vorübergehend über reduzierte intellektuelle Fähigkeiten verfügen, ist dieser Transfer häufig nicht möglich.

Kinder und Passivkonstruktionen

Dass Konstruktionen im Vorgangspassiv schwer verständlich und diffizil zu verarbeiten sind, wird auch deutlich, wenn man sich mit dem Erwerb des Deutschen beschäftigt.

Vorgangspassiv wird von den meisten Kindern erst ab Jahrgangsstufe 5 oder 6 verwendet, weswegen Passivkonstruktionen in Bayern zum Beispiel auch erst im Deutschlehrplan der 6. Klasse enthalten sind. Verstanden werden bestimmte Passivsätze von jüngeren Kindern ohne eine geistige Behinderung bereits früher.

Dass der aktive Erwerb des Vorgangspassivs in der Sprachentwicklung erst relativ spät erfolgt, ist ein weiteres Argument dafür, dass Passivkonstruktionen in Leichter und auch in Einfacher Sprache nicht verwendet werden sollten.

In Leichte und in Einfacher Sprache müssen Passivsätze daher immer in Aktivsätze umformuliert werden, selbst wenn dies bedeutet, dass man zum Subjekt wird. (Anders verhält es sich mit Zustandspassiv, zum Beispiel die Geschäfte sind geschlossen, was ich aber hier ausklammere, zumal es auch als sein + Adjektiv interpretiert werden kann.)

Absperrungen vor Gebüsch
Weg mit der Barriere Passiv!

Passiv: Umformulierungen in Leichte Sprache

Vorgangspassiv

Übertragen Übersetzer*innen einen Text mit Passivkonstruktionen in Einfache oder Leichte Sprache, besteht ihre Aufgabe zunächst darin, den Agens zu bestimmen.

Dies ist zugegebenermaßen nicht immer einfach. Manchmal geht der Agens aber aus dem Kontext hervor oder befindet sich bereits im Passivsatz:

Passivsatz:

Der US-Präsident wird durch Wahlmänner und -frauen gewählt.

Aktivsatz in Leichter Sprache:

Wahl-Männer und Wahl-Frauen wählen den US-Präsidenten.

Worum es sich bei Wahl-Männern und Wahl-Frauen handelt, müsste zusätzlich erläutert werden. (Natürlich wird in Leichter Sprache normalerweise keine Kursivschreibung verwendet.)

Geht der Agens aus dem Kontext nicht hervor, sind Recherchen oder Rückfragen beim Endkunden nötig.

Beispiel:

Der Attentäter von Wien saß bereits 2019 in Haft, wurde aber vorzeitig entlassen. (Tagesschau)

Recherchiert werden müssten hier die näheren Umstände der Entlassung, ohne die der Satz in keinen Aktivsatz überführt werden kann.

Die Übertragung von Passiv- in Aktivsätze kann einen erheblichen Recherche- und Zeitaufwand verursachen, weswegen einige Anbieter darauf verzichten und den Satz einfach im Passiv stehen lassen.

Kann der Agens trotz aller Bemühungen nicht ermittelt werden, weil er zum Beispiel tatsächlich unbekannt ist, ist eine Umformulierung ins Aktiv mit man nötig:

Der Attentäter wurde aus dem Gefängnis entlassen.

Man hat den Attentäter aus dem Gefängnis entlassen.

In das Geschäft in der Bismarckstraße wurde eingebrochen.

Man hat in das Geschäft in der Bismarckstraße eingebrochen.

Oder:

In dem Geschäft in der Bismarckstraße waren Diebe.

Schild und Straßenabsperrungen auf einem Stapel
Passiv hat in Leichter und Einfacher Sprache nichts verloren

Passivähnliche Konstruktionen

Neben herkömmlichen Passivsätzen gibt es im Deutschen auch passivähnliche Konstruktionen, bei denen ein Agens fehlt.

Beispiele:

Das Fenster hat sich geöffnet.

Damit ist mir nicht geholfen.

Die Vorspeise ist essbar.

Das versteht sich von selbst.

Das Auto fährt sich gut.

Obige Sätze könnten in Leichter Sprache zum Beispiel wie folgt lauten:

Das Fenster ist aufgegangen.

Das hilft mir nicht.

Ich mag die Vorspeise nicht besonders.

Das ist normal.

Ich fahre gern mit diesem Auto.

Wie kann ich sicher sein, dass mein*e Übersetzer*in in Leichte Sprache kein Passiv verwendet?

– Wenn du sicher sein willst, dass dein*e Übersetzer*in in Einfache oder Leichte Sprache keine schwer verständlichen Strukturen verwendet, solltest du dir Arbeitsproben zeigen lassen.

Enthalten diese Passivkonstruktionen, Genitive oder Nebensätze?

– Die Wahrscheinlichkeit, dass ein*e Billiganbieter*in Strukturen verwendet, die in barrierefreien Texten nichts verloren haben, ist recht hoch. Umformulierungen und die teils damit verbundenen Recherchen und Rückfragen kosten Zeit. Wer diesen Zeitaufwand nicht betreibt, kann günstiger arbeiten. Wie so oft solltest du also im Kopf behalten, dass du mit Peanuts keine Qualität bekommst. Ein Merkmal für gute Leichte Sprache ist der Preis.

– Übersetzer*innen, die vom Netzwerk Leichte Sprache e. V. zertifiziert sind, haben ihre Ausbildung beim Netzwerk Leichte Sprache e. V. absolviert und gelernt, dass sie in Leichter Sprache keine Passivkonstruktionen verwenden dürfen. Achtung: Nicht alle Mitglieder des Netzwerkes Leichte Sprache e. V. wurden auch vom Verein selbst ausgebildet bzw. zertifiziert. Eine Mitgliedschaft allein ist also kein Qualitätsmerkmal.

Fotos: © Andrea Halbritter

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Andrea Halbritter

Andrea ist Romanistin und Germanistin mit 2. Staatsexamen und vom Netzwerk Leichte Sprache e. V. zertifizierte Übersetzerin. Sie ist Texterin und Übersetzerin in Leichte und Einfache Sprache. Andrea ist auf Wahlprogramme und politische Bildung spezialisiert und freut sich, wenn sie auch dir helfen kann, barrierefrei zu kommunizieren.

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