Was möchtest du 2023 als Übersetzer*in oder Texter*in dazulernen?

Tafel mit der Aufschrift "Teamwork" und in verschiedenen Farben aufgemalten Personen

Der Jahresbeginn ist die Zeit für gute Vorsätze und Jahresplanung. Für Übersetzer*innen und Texter*innen heißt dies: überlegen, welche Kenntnisse und Fertigkeiten einem fehlen, entsprechende Kurse und Fortbildungen suchen und einplanen, entscheiden, an welchen Events der Translation Industry man teilnehmen möchte … In meiner Übersetzer*innen- und Texter*innen-Bubble habe ich mich daher umgehört und gefragt: Was möchtest du 2023 als Übersetzer*in oder Texter*in lernen?

Round-up: als Übersetzer*in und Texter*in dazulernen

#1 Spezialgebiete vertiefen

Andrea Halbritter
Übersetzerin Andrea will vor allem in ihren Spezialgebieten dazulernen

Die in Augsburg und Saint-Nazaire ansässige Übersetzerin Andrea Halbritter erstellt hauptsächlich für Museen, Gedenkstätten und Politiker*innen Texte in Leichter und Einfacher Sprache. Vom Französischen und Englischen übersetzt sie vor allem Weinbroschüren, Verkostungsnotizen und Weinblogs. Hinzu kommen Reiseführer sowie Texte für Kunstmuseen.

2023 werde ich mich insbesondere im Bereich der Geschichte des Nationalsozialismus weiter fortbilden. In diesem Gebiet übersetze ich regelmäßig für Gedenkstätten und Erinnerungsorte von sogenannter „schwerer Sprache“ in Leichte oder Einfache Sprache, ab und zu auch aus dem Französischen. Seit Jahren belege ich fast monatlich Fortbildungen zur Geschichte des Nationalsozialismus und bin auch immer wieder an einer Uni als Gasthörerin im Bereich Neuere und Neueste Geschichte immatrikuliert. Dieses Jahr werde mich anhand von Studien, Ausstellungskatalogen und anderen Werken insbesondere folgenden Themen widmen: Geschichte der Arbeiterbewegung ab 1918 in Augsburg, „Entschädigung“ von Verfolgten des NS-Regimes, Spruchkammerverfahren, Machtergreifung und Arisierung in Bayern. Verstärkt werde ich mich auch mit sowjetischen Internierungslagern und dem Westfeldzug beschäftigen. Dies ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass ich gerade selbst als Co-Autorin an einem Buch arbeite, das voraussichtlich 2024 erscheinen wird.

Darüber hinaus habe ich für das Frühjahr eine Fortbildung in Einfacher Sprache gebucht. Eine in FALC, dem französischen Pendant von Leichter Sprache, kommt eventuell noch hinzu.

Sollte ich mit meinem Buch über den Nationalsozialismus in Augsburg im Zeitplan bleiben, plane ich für das zweite Halbjahr  2023 eine berufsbegleitende Ausbildung zum Assistant Sommelier. Gute Weinübersetzer*innen sind extrem selten. Der Bedarf an Übersetzer*innen, die auf Weintexte spezialisiert sind, ist hoch, zumal die maschinelle Übersetzung hier insgesamt noch schlechte Arbeit leistet. Qualitativ hochwertige Weinübersetzungen lassen sich insbesondere Champagnerhäuser einiges kosten. Eine abgeschlossene Ausbildung im Weinbereich erweitert nicht nur meine Kenntnisse als Weinübersetzerin, sondern zeigt den Kund*innen, dass ich für ihre Übersetzungsprojekte vom Französischen und Englischen ins Deutsche die richtige Sprachmittlerin bin.

#2 Als Übersetzerin in Sachen Eigenmarketing dazulernen

Übersetzerin Geneviève Granger
Geneviève möchte vor allem lernen, sich als Übersetzerin besser zu vermarkten.

Übersetzerin Geneviève Granger überträgt deutsche und englische Texte ins Französische. Die Spezialgebiete der in München lebenden Französin sind Automatisierung, Kfz und Gebäudeautomation.

In den Anfängen meiner Tätigkeit als Freiberuflerin ging alles noch einfach: Mein Profil befand sich auf einigen Übersetzerforen und es fanden immer wieder Kund*innen zu mir, ohne dass ich viel tun musste. Nun hat sich die Welt geändert: Der Wettbewerb hat sich durch etliche Billiganbieter*innen verschärft, maschinelle Übersetzung behauptet sich trotz all ihrer Schwächen. Die Wirtschaft ist durch Pandemie und Ukraine-Krieg angeschlagen.

Als introvertierte Person hatte ich schon immer eine schwierige Beziehung zu Marketing: Ich empfand Handelsvertreter an meiner Haustür immer als Belästigung. Sie waren für mich die Essenz von Marketing.

Durch die Auftragsleere im ersten Lockdown hatte ich genügend Zeit, um zu erkunden, wie ich als Übersetzerin zu mehr Kundschaft kommen kann. Ich habe gelernt, dass Akquise auch für introvertierte Übersetzer*innen möglich ist. Zu einer passiven, “introvertiertenfreundlichen” Akquise gehören die Verstärkung der Online-Präsenz und das Aufpolieren des Geschäftsimages, also unter anderen die Entwicklung eines persönlichen Brandings, eine aussagefähige Website, ein starkes Profil, Veröffentlichungen auf sozialen Medien, die Teilnahme an Fachforen …

Damit meine Werbekampagne wirken kann, muss ich 2023 noch weitere Schritte gehen. Für diejenigen wie ich, deren Budget angeschlagen ist und die sich keine Kurse oder Coachs leisten können, bietet das Internet eine Fülle von kostenlosen Ressourcen: Anleitungen auf Websites oder in Videoform von Expert*innen, die ihre Kenntnisse gerne teilen, Übersetzerforen mit hilfsbereiten Kolleg*innen … Es gibt auch eine große Auswahl an weiterführenden Bücher über Mindset, Marketing für Übersetzer*innen und so weiter, die auch eine kostengünstige Möglichkeit darstellen, sich Kenntnisse anzueignen und an Selbstvertrauen zu gewinnen.

#3  Neues Spezialgebiet und Umgang mit Flauten

Übersetzerin Andrea Wurth
Andrea Wurth möchte lernen, mit Flauten anders umzugehen

Andrea Wurth arbeitet in Neuried bei Offenburg als freiberufliche Übersetzerin. Die Schwerpunktthemen der Baden-Württembergerin sind Websites für Hotels, Texte für Audioguides und Ausstellungen sowie Newsletters und Produkteinführungen. Andrea übersetzt vom Französischen ins Deutsche.

Was ich 2023 als Übersetzerin unbedingt lernen muss, ist der Umgang mit Auftragsflauten. Seit etwa sieben Monaten stellen sich diese immer wieder ein. Meistens verfalle ich dann in Schockstarre, wurschtle vor mich hin und bin nicht mehr in der Lage, strukturiert vorzugehen. Das muss sich ändern, denn diese Zeiten könnte ich anders nutzen: Ich werde gezielt in Ruhe und zu meinen üblichen Bürozeiten den Papierstapel abarbeiten, der auf dem Drucker liegt. Und ich werde Akquise betreiben. Bei der letzten Flaute hat sich Akquise für mich als Sprachmittlerin als recht effektiv erwiesen. Natürlich muss ich auch über weitere Möglichkeiten nachdenken, bei länger anhaltender Flaute eventuell sogar einen Teilzeitjob in Erwägung ziehen. Aber ich darf  als Übersetzerin auch an mich denken, denn bei „normaler Auftragslage“ kommt das oft zu kurz. Um Flauten besser auszuhalten und zu nutzen, habe ich vor, mit einer anderen Freiberuflerin (keine Übersetzerin) Ideen austauschen.

Desweiteren möchte ich mich als Übersetzerin 2023 im Gaming-Bereich einarbeiten. Auf diesem Gebiet werden Übersetzer*innen immer wieder langfristige Aufträge angeboten. Nach einer „Flauten-Akquise“  hatte auch ich einen Großauftrag und hoffe auf Folgeaufträge. Es scheint mir wichtig, solche Spiele als Übersetzerin im Gaming-Bereich selbst auszuprobieren, zu schauen, wie sich dies anfühlt und wie die einzelnen Charaktere reagieren und agieren. Mit meinem Projektmanager werde ich mich über die Art des Spiels abstimmen. Auch entsprechende Gamingplattformen zu besuchen und zu lesen, wie sich User*innen über Spiele, Probleme, Charaktere und Tipps austauschen, erscheint mir sinnvoll. Und wer weiß! Vielleicht trudeln ja in der Zwischenzeit neue Übersetzungsprojekte ein.

#4 Als Texterin lernen, Kurzgeschichten zu schreiben

Texterin Birgit Susemihl
Texterin Birgit möchte lernen, wie man Kurzgeschichten schreibt

Als freiberufliche Texterin hat sich Birgit Susemihl auf die Bereiche Tourismus, Kunst und Kultur sowie Natur und Umweltschutz spezialisiert. Sie verfasst Texte für Websites, Unternehmensblogs, Flyer, Broschüren, Festschriften und Social-Media-Posts.

Was ich in diesem Jahr lernen möchte, hat einerseits nichts mit meiner Arbeit als Texterin und Lektorin zu tun, andererseits aber sehr viel: Ich möchte lernen und vor allem üben, Kurzgeschichten zu schreiben!

Ich habe schon lange immer mal wieder Ideen für Kurzgeschichten oder gar Romane im Kopf. Aber erst letzten Sommer ist „der Knoten geplatzt“ und ich habe angefangen, sie ernsthaft aufzuschreiben. Eine Science-Fiction-Kurzgeschichte habe ich sogar bei einem Wettbewerb eingereicht. Das war sehr spannend und ich habe gemerkt, dass sich das kreative Schreiben auch positiv auf das Texten für meine Kund*innen auswirkt. Kreativität ist eben kein Fass, das man nach und nach leerschöpft, sondern sie verstärkt sich selbst! Und ich bin sicher, dass man sie „trainieren“ kann.

Wie ich das machen will? Vor allem werde ich viel schreiben und viel lesen. Denn beim Lesen gut geschriebener Geschichten lerne ich sehr viel über Plotstruktur, Figurenentwicklung und Spannungsaufbau. Und das Schreiben übt! Um „dranzubleiben“, nehme ich an der Challenge #52in23 teil, in der ich versuche, jede Woche eine kurze Geschichte zu verfassen. Und ich werde an meinem Roman weiterarbeiten, den ich im November begonnen habe. Vielleicht finde ich außerdem einen guten Kurs für kreatives Schreiben, das wäre perfekt.

#5  Für eine neue Nische die Terminologie in den Ausgangssprachen lernen

Übersetzerin Roberta Aresu
Roberta möchte sich als Übersetzerin eine neue Nische erschließen

Die Übersetzerin Roberta Aresu lebt zwischen Augsburg und Fürstenfeldbruck sowie auf Sardinien. Die gebürtige Italienerin übersetzt in den Sprachrichtungen Deutsch-Italienisch und Englisch-Italienisch. Ihre Spezialgebiete sind Logistik, Medizin und Unternehmenskommunikation.

Die Idee, mich in einem neuen Bereich zu spezialisieren, war seit einiger Zeit schon da, aber sie ist erst letzten Herbst konkret geworden, als ich den Artikel einer Übersetzerkollegin gelesen habe. Sie kündigte darin an, 2023 ein Übersetzungsteam im Bereich Ernährungswissenschaft aufbauen zu wollen. Da das Thema Ernährung mich schon immer interessiert hat und ich in den letzten zwei Jahren viel darüber gelernt habe, dachte ich mir: Jawohl, eine neue Spezialisierung ist ein guter Vorsatz für das neue Jahr! Plötzlich hat es Klick gemacht. Seither bin ich bereit, mir als Übersetzerin eine neue Nische aufzubauen.

Ich bin seit langem davon überzeugt, dass wir sind, was wir essen und denken. Seit Jahren versuche ich, meine gesundheitlichen Probleme durch eine komplette Ernährungsumstellung und gesundes Essen zu minimieren, mit dem großen Ziel, ernsten oder chronischen Krankheiten dank entzündungshemmenden Lebensmitteln vorzubeugen.  Die wichtigsten Entzündungsfaktoren, die unser Darmmikrobiom (unser neues  eigenständiges Organ!) schädigen, sind (leider) unter anderem Gluten, Kasein und Zucker.

Um meine Kenntnisse zu erweitern, habe ich regelmäßig Beiträge über dieses Thema gelesen, an Seminaren oder Webinaren von Spezialist*innen teilgenommen, hauptsächlich in meiner Muttersprache: Italienisch. Nun möchte ich die Terminologie in meinen Ausgangssprachen vertiefen und erstmal durch parallele Texte dieses neues und spannende Fach weiter kennenlernen. Sobald ich mich sicher fühle, werde ich gezielt Institutionen und Firmen kontaktieren, die Übersetzungen in meinen Sprachkombinationen und in diesem Fachgebiet brauchen. Mal schauen, wie sich das alles entwickelt: Was ich mir wünsche, ist eine Fachexpertin in Ernährungswissenschaft zu werden!

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