Die wichtigsten Regeln für Leichte Sprache

Tafel mit der Aufschrift "Teamwork" und in verschiedenen Farben aufgemalten Personen

Leichte Sprache soll dafür sorgen, dass auch Menschen mit Lernschwierigkeiten (also einer geistigen Behinderung) Texte gut verstehen. Damit Texte in Leichter Sprache gut verständlich sind, ist diese Sprachform des Deutschen streng geregelt. Es existieren verschiedene Regelwerke – zum Beispiel des Netzwerks Leichte Sprache e. V., der Universität Hildesheim und die DIN SPEC Leichte Sprache. Alle Regeln ähneln sich. In diesem Artikel stelle ich dir die wichtigsten Regeln für Leichte Sprache vor.

Leichte Sprache: die wichtigsten Regeln

Die ersten Regeln für Leichte Sprache sind 1998 entstanden. Sie wurden gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten erstellt. Später hat die Forschung einige Regeln überprüft. Andere Studien werden gerade durchgeführt oder stehen noch aus. Mit der visuellen Gestaltung Leichter Sprache beschäftigt sich die Designforschung seit 2016.
Die wichtigsten Regeln für Leichte Sprache betreffen Wortschatz, Satzbau, Layout und die Inhaltsebene. Daneben gibt es einige weitere Regeln, die du auch beachten musst, wenn dein Text wirklich leicht verständlich sein soll.

#1 Verwende in Leichter Sprache leichte Wörter

Eine der wichtigsten Regeln für Leichte Sprache besagt, dass dein Text möglichst nur leichte Wörter enthalten sollte. Leichte Wörter sind kurz und häufig. Sie gehören zum zentralen Wortschatz des Deutschen und sind im jeweiligen Zusammenhang üblich. Mehr über leichten Wortschatz erfährst du in meinem Beitrag Wie man leichte Wörter erkennt.


Fach- und Fremdwörter solltest du in Leichter Sprache nur verwenden, wenn sie absolut nötig sind. Mehr über Fremdwörter kannst du auf meinem Blog in folgenden Artikeln nachlesen:

Wie du in Leichter Sprache mit Fremdwörtern umgehst

6 Punkte, die dafür sprechen, die Aussprache von schweren Wörtern in Leichter Sprache anzugeben

#2 Jeder Satz darf nur eine geringe Anzahl von Aussagen enthalten

Je mehr Aussagen ein Satz enthält, desto schwerer verständlich ist er. Das Netzwerk Leichte Sprache e. V. fordert daher nur eine Aussage pro Satz, zum Beispiel:
Peter ist krank.
Und nicht:
Peter ist krank, weil er bei der kranken Susanne zu Besuch war.
Oder:
Peter ist krank, er hat die Grippe.
Peter ist seit 2 Wochen krank.
Peter ist krank, deshalb geht er heute nicht in die Arbeit.


Die DIN SPEC mit Empfehlungen für Deutsche Leichte Sprache ist weniger streng. Sie erlaubt eine „geringe Anzahl von Aussagen“.


Mit wie vielen Aussagen ein Satz noch verständlich ist, hängt sicher von mehreren Faktoren ab: dem Grad der Behinderung der Leser*innen, ihrem Hintergrundwissen, ihrer Lesekompetenz und auch vom jeweiligen Sachverhalt. Der Satz „Peter ist seit 2 Wochen krank“ enthält zwei Aussagen: Peter ist krank und das schon seit 2 Wochen. Diesen Satz dürfte die überwiegende Mehrheit der Hauptzielgruppe Leichter Sprache verstehen.

Der Satz „Peter ist krank, deshalb geht er heute nicht in die Arbeit“ enthält ebenfalls zwei Aussagen. Der Satz ist jedoch zu lang. Damit er gut lesbar ist, sollte er durch einen Punkt unterbrochen werden. („Nicht“ solltest du außerdem fetten, weil es sonst überlesen wird.)

Wesentlich komplexer ist der Satz „Peter ist krank, weil er bei der kranken Susanne zu Besuch war“. Der Satz enthält drei Aussagen: Peter ist krank. Er war bei Susanne. Susanne war auch krank. Außerdem wird nicht ausdrücklich erwähnt, dass Peter sich bei Susanne angesteckt hat. Die Leser*innen müssen sich diesen Zwischenschritt denken, was viele Menschen mit Lernschwierigkeiten überfordern wird. Für Personen mit einer geistigen Behinderung müssen Sätze kurz sein. Alle Zusammenhänge sollten explizit erwähnt beziehungsweise kleinschrittig in mehreren Sätzen erklärt werden – so zum Beispiel bei Zusammenhängen von Ursache und Wirkung.

#3 Jeder Satz in Leichter Sprache muss kurz sein

Meine Leichte-Sprache-Regel Nummer 3 hängt eng mit der unter Punkt 2 erwähnten Regel zusammen. Sätze in Leichter Sprache müssen kurz sein, damit die Hauptzielgruppe Leichter Sprache sie gut versteht. Aus diesem (und anderen) Gründen vermeidet Leichte Sprache deshalb Nebensätze weitgehend.


Manchmal kann ein Satz mit „weil“ aber durchaus gut lesbar und verständlich sein. Mehr über die Übersetzung von Nebensätzen in Leichte Sprache erfährst du auf meinem Blog zum Beispiel in diesem Artikel: Konditionalsätze in Leichter Sprache auflösen.


Unbedingt vermeiden solltest du eingebettete Nebensätze – übrigens auch in Einfacher Sprache, einer etwas komplexeren Sprachform des Deutschen. Ein Beispiel für ein Satzgefüge mit einem eingebetteten Nebensatz ist folgender Satz:
Peter kann sich die Jacke, die 200 € kostet, nicht leisten.
In Leichter Sprache könntest du diesen Satz so auflösen:
Die Jacke kostet 200 €.
Für Peter ist die Jacke zu teuer.

#4 Leichte-Sprache-Texte dürfen keine schweren Strukturen enthalten

Regel Nummer 4, die ich dir für Texte in Leichter Sprache ans Herz legen möchte, lautet: Verzichte in Leichter Sprache auf schwere Strukturen. In Deutscher Leichter Sprache heißt dies für mich:
Formuliere möglichst immer positiv. Verzichte weitgehend auf Verneinungen.
Verwende kein Vorgangspassiv.
Statt einem Genitiv ist meist eine Umschreibung mit „von“ besser. Jedoch bereiten Menschen mit Lernschwierigkeiten nicht alle Genitivformen Probleme. In der DIN SPEC Leichte Sprache heißt es dazu: „Der Genitiv bereitet den Nutzerinnen und Nutzern von Leichte-Sprache-Texten nicht generell Probleme, sondern nur dann, wenn dieser gehäuft bei Abstraktionen auftritt. Die Umschreibung mit „von“ kann (…) hilfreich sein, um Missverständnisse zu vermeiden.


Mehr über schwere Strukturen kannst du auf meinem Blog in folgenden Artikeln nachlesen:
5 Strukturen, die in Leichter Sprache nichts verloren haben
Leichte Sprache: Schmeißt endlich das Passiv raus!
Was du über Verneinungen in Leichter Sprache wissen solltest

#5 Verwende in Leichter Sprache ein reduziertes Tempus-System

In Leichter Sprache solltest du vor allem Präsens (Bsp.: „ich gehe“, „ich schreibe“) und Perfekt verwenden (Bsp.: „ich bin gegangen“, „ich habe geschrieben“).
In seltenen Fällen ist Präteritum (Bsp.: „ich war“) möglich. Plusquamperfekt (Bsp.: „ich war gegangen“, „ich hatte geschrieben“) und Futur II (Bsp.: „ich werde gegangen sein“, „ich werde geschrieben haben“) gibt es in Leichter Sprache nicht.


Bei Futur I (Bsp.: „ich werde gehen“) scheiden sich die Geister: Das Netzwerk Leichte Sprache e. V. lehnt es ab. Die DIN SPEC empfiehlt: Das Futur I kann „mit Einschränkungen verwendet werden“. Aus meiner Sicht brauchst du in Deutscher Leichter Sprache kein Futur I, da im Deutschen Präsens Futur-Bedeutung haben kann. Du solltest aber Zeitangaben dazustellen, die klarmachen, dass es sich um ein Geschehen in der Zukunft handelt.
Beispiel:
Morgen geht Susanne ins Kino.

Mehr zum Thema Tempora erfährst du in folgenden Beiträgen:

Welche Tempora verwendet Leichte Sprache?

Tempus in Leichte-Sprache-Texten für NS-Gedenkstätten

Wie du in Leichter Sprache Zukünftiges ausdrückst

#6 Plane für jeden Satz in Leichter Sprache eine eigene Zeile ein

Auch für die Gestaltung deines Lesextextes in Leichter Sprache gibt es Regeln. Eine wichtige Regel für Leichte Sprache besagt: Jeder Satz in Leichter Sprache bekommt eine eigene Zeile. Selten dürfen sich Sätze auch über zwei Zeilen hinziehen. Der nächste Satz beginnt jedoch in Leichter Sprache immer in der nächsten Zeile.

#7 Teile deinen Leichte-Sprache-Text in kurze, sinnvolle Abschnitte ein

Deinen Leichte-Sprache-Text solltest du in kurze Abschnitte einteilen. Ideal ist, wenn ein Abschnitt nicht mehr als vier Zeilen umfasst. Auf einer Seite darfst du nicht zu viel Text haben.

#8 Bebildere deinen Text in Leichter Sprache

Leichte-Sprache-Texte müssen mit Leichten Bildern illustriert sein. Dabei kann es sich um Zeichnungen oder Fotos handeln. Leichte Bilder sollen das Textverständnis erleichtern. Sie dienen nicht vorrangig der „Deko“. Damit Leichte Bilder den Text einfacher machen, gibt es für sie bestimmte Kriterien. Sie sollten zum Beispiel nicht zu viele Informationen enthalten. Was zu sehen ist, muss sofort deutlich sein. Am besten ist es, Leichte Bilder gezielt für einen Text anfertigen zu lassen. Wie auch der Text selbst, sollten sie von der Zielgruppe geprüft werden.


Mehr über Leichte Bilder erfährst du auf meinem Blog in folgenden Artikeln:

Wo du Leichte-Sprache-Bilder bekommst

Kennst du schon den Treffpunkt Leichte Bilder?

Was du über Bilder in Leichter Sprache wissen solltest

Fazit: wichtigste Regeln für Leichte Sprache

Neben diesen acht Regeln für Leichte Sprache gibt es viele andere, die wichtig sind. Die Erstellung von Leichte-Sprache-Texten ist eine komplexe Angelegenheit. Übersetzer*innen brauchen dafür viel Erfahrung und eine gute Ausbildung. Auf KI solltest du dich beim Schreiben von Leichte-Sprache-Texten nicht verlassen. Leichte Sprache auf Knopfdruck gibt es nicht! KI erzeugt oft einen Wust an vermeintlich leicht verständlichen, ungeordneten Informationen. Wichtig sind bei der Erzeugung von Leichte-Sprache-Texten Menschen: erfahrene Übersetzer*innen für Leichte Sprache, Texter*innen und Personen mit Lernschwierigkeiten, die die Texte mit einer Prüfassistenz prüfen, bevor sie veröffentlicht werden. Einen meiner Prüfer für Leichte Sprache kannst du in diesem Artikel kennenlernen:

Interview mit meinem Prüfer für Leichte Sprache Henri Hirt

Frau mit schulterlangen blonden Haaren und grauen Strähnen, blauen Augen, Brille und grauem Mantel

Andrea Halbritter

Andrea Halbritter ist Germanistin mit 2. Staatsexamen und vom Netzwerk Leichte Sprache e. V. zertifiziert. Sie erstellt Texte in Leichter und Einfacher Sprache für NS-Gedenkstätten, Museen, politische Parteien und Gesundheitsbehörden. In den Sprachrichtungen Französisch-Deutsch und Englisch-Deutsch übersetzt Andrea vor allem im Bereich Wein.

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