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Werden Übersetzer*innen bald überflüssig?

Dinosaurier

Werden Übersetzer*innen bald überflüssig? Gehören sie demnächst einer aussterbenden Spezies an wie einst die Dinosaurier? Wie sieht die Zukunft von Übersetzer*innen aus? Hat der Übersetzerberuf überhaupt eine Zukunft?

Zeitungen und andere Medien verkünden regelmäßig, dass die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) das Ende des Übersetzerberufs bedeute. Ist dem tatsächlich so? Wie optimistisch oder pessimistisch blicken Sprachmittler*innen in die Zukunft?

Was überhaupt versteht man im Übersetzungsbereich unter Künstlicher Intelligenz? Gemeint ist damit die maschinelle Übersetzung, auf Englisch machine translation (MT). Dabei wird ein Text ohne Mitwirkung eines Menschen von einer Sprache in eine andere übersetzt. Unternehmen setzen maschinelle Übersetzung seit ein paar Jahren vor allem mit dem Ziel ein, Kosten zu reduzieren. Mit unterschiedlichem Erfolg, dazu aber mehr in den Beiträgen meiner Übersetzerkolleg*innen und mir, die sich mit dem Thema befassen:

Sind Übersetzer*innen die Dinosaurier von morgen und bald überflüssig?

 

#1 Als wissbegierige Wundertüten werden Übersetzer*innen auch weiterhin gebraucht

 

Übersetzerin Heike Kurtz

Heike Kurtz: “Übersetzer*innen sind keine wandelnden Wörterbücher.”

Chartered Linguist Heike Kurtz lebt in der Nähe von Stuttgart und ist schon seit mehr als 20 Jahren selbstständig. Heike übersetzt in den Sprachrichtungen Französisch-Deutsch sowie Englisch-Deutsch. Spezialisiert ist die freiberuflich tätige Übersetzerin auf die Bereiche Wirtschaft, Finanzen und Recht.

“Werden Übersetzer*innen demnächst überflüssig? Klassische Übersetzer*innen-Antwort: Das kommt auf den Kontext an.

IT-Profis schwärmen von Maschinenübersetzungen und MT-Engines sind mit Einführung der neuronalen Maschinenübersetzung immer besser geworden. Vor allem bei häufig genutzten Sprachpaarungen und 08/15-Texten sind die Ergebnisse manchmal ganz brauchbar. Die wahren Sprachprofis fragt dabei meist keiner, denn sonst würde klar:

Sobald mehr als nur ‘plain vanilla’ (englischer Ausdruck, der ausdrückt, dass etwas nichts Besonderes ist, 08/15 eben) gefragt ist, endet die Begeisterung. Fachübersetzungen erfordern detaillierte Kenntnis der Fachgebiete und der dort üblichen Ausdrucksweisen. Die Welt kennt mehr Sprachen als Englisch, Spanisch und Chinesisch. Maschinen sind immer nur so gut, wie die Referenz-Korpora, auf die ihre Algorithmen zugreifen und sie sehen meist nur die ‘Fassade’ der Wörter – nicht den ganzen emotionalen und kulturellen Unterbau oder Nuancen und Facetten.

Wo die Maschine Zeichenfolgen und deren Häufigkeit mit statistischen Methoden auswertet, sieht der Mensch das große Ganze und versteht die Botschaft hinter den Vokabeln. Manchmal muss man eben andere Worte verwenden, damit der Sinn der gleiche bleibt, denn was dem Engländer sein ‘cup of tea’ ist dem Deutschen ‘sein Ding’.

Übersetzer*innen sind keine wandelnden Wörterbücher, sondern wahnsinnig wissbegierige Wundertüten. Daher kennen die Koryphäen unter ihnen sich mit ihren Fachgebieten sehr gut aus und verstehen, worüber sie schreiben. Dieses Verstehen des Gesamtkontextes führt dazu, dass sie auch Fehler im Ausgangstext erkennen, die eine Maschine oft einfach mit übersetzt oder als unverdaulich wieder ausspuckt.

Ein weiterer Aspekt: Das Bevorzugen der wahrscheinlichsten Termini und Formulierungen führt oft zu Fehlern (Fachsprache ist nicht Umgangssprache) und langfristig besteht die Gefahr, dass sich die Sache auf einige wenige Standardformulierungen ‘einpendelt’[1]. Oder auf Standardsprachen, die besonders häufig verwendet werden, wie Englisch, Spanisch und Chinesisch. Für alles, was eben kein ‘Standard’ ist, werden Übersetzer*innen aus meiner Sicht noch sehr lange gebraucht, denn es wäre viel zu aufwändig und unwirtschaftlich, für alle denkbaren Variationen Algorithmen und KI zu programmieren.

Damit sich auch Finnen, Vietnamesen, Iraner oder Nigerianer auch in Zukunft miteinander verständigen können, damit sich Fach-Nerds auch weiterhin in hochkomplexen sprachlichen Sphären verlieren und trotzdem austauschen können, damit die Fantasie in der Literatur nicht verschwindet, werden wir auch in Zukunft Übersetzer*innen brauchen.”

[1] Siehe u. a. ADAPT School of Computing, Cublin City University, Dublin, Irland, Vanmassenhove/Shterionov/Way (2019): Lost in Translation: Loss and Decay of Linguistic Richness in Machine Translation

 

#2 Künstliche Intelligenz kann Leichte-Sprache-Übersetzer*innen nicht überflüssig machen

 

Leichte-Sprache-Übersetzer Andrea Halbritter

A. Halbritter: “Leichte Sprache ist immer eine Zusammenfassung und eigentlich keine Übersetzung.”

In der Sprachrichtung Französisch-Deutsch habe ich, Andrea Halbritter, mich auf die Bereiche Tourismus, Kunst und Wein spezialisiert. Vom Netzwerk Leichte Sprache e. V. bin ich für Übersetzungen in Leichte Sprache zertifiziert. In Leichter und Einfacher Sprache arbeite ich vor allem in den Bereichen politische Teilhabe, Gesundheit und Kultur.

“Sprachtechnologie macht auch vor Leichter Sprache nicht halt. Ganz im Gegenteil! Nach Erfahrungen mit fremsprachlichen Übersetzungen lautet das Ziel einiger Forscher*innen, mit maschineller Übersetzung auch für mehr Barrierefreiheit zu sorgen. Heißt konkret: Versucht wird, Künstliche Intelligenz in die Lage zu versetzen, Übersetzungen vom Standarddeutschen in Leichte Sprache anzufertigen. Kann dies gelingen? Werden Software-Tools in Zukunft Leichte-Sprache-Übersetzer ersetzen und überflüssig machen?

Sicher ist es möglich, Regeln für Leichte Sprache in Software zu implementieren und Tools zum Beispiel auch mit Erklärungen für schwierige Wörter zu ‘füttern’. Dies ist auch schon der Fall. Noch mehr als für Übersetzungen ins Standarddeutsche gilt für Leichte Sprache jedoch: Eine Übersetzung ist mehr als nur das Übertragen von Sätzen in eine andere Sprache beziehungsweise Sprachform.

Zum einen vereinfachen Leichte-Sprache-Übersetzer*innen in den seltensten Fällen sämtliche Inhalte eines standarddeutschen Textes in Leichte Sprache. Gemeinsam mit dem Kunden bzw. der Kundin treffen sie eine Auswahl an zu übersetzenden Inhalten. Sie entscheiden, was für die Zielgruppe wirklich interessant ist. Sie legen mit dem Autor beziehungsweise der Autorin des in ‘schwerer Sprache’ verfassten Textes fest, was unabdingbar ist und was weggelassen werden kann. Bei der Übersetzung eines standarddeutschen Textes in Leichte Sprache ergibt sich in Bezug auf das Volumen häufig ein Faktor 5 oder 6. Der Leichte-Sprache-Text ist also schnell erheblich länger als ein Text in Standarddeutsch. Die Zielgruppen Leichter Sprache sind durch ein großes Textvolumen schnell überfordert. Ein Übersetzen in Leichte Sprache ist immer eine Zusammenfassung in Leichter Sprache. Ein Tool auswählen zu lassen, was wichtig ist und was nicht, halte ich persönlich für unmöglich.

Hinzu kommt bei Leichte-Sprache-Texten, dass der Übersetzer bzw. die Übersetzerin für eine chronologische und wirklich immer leicht nachvollziehbare Anordnung von Ereignissen, Fakten … sorgen muss.  (Eine Ausnahme bildet Literatur.) Texte, die sich an Leser*innen ohne intellektuelle Einschränkungen richten, enthalten oft Sprünge, Vor- und Rückblicke. Mal wird ein Thema wieder aufgenommen, von dem schon einmal die Rede war. Künstliche Intelligenz, die auch ordnet, neu und sinnvoll zusammenfügt, Zusammenhänge herstellt und so Humanübersetzer*innen verdrängt? Nicht vorstellbar.

Auch besteht eine Übersetzung in Leichte Sprache aus mehr als der Arbeit an Wörtern und Sätzen. Leichte-Sprache-Übersetzer*innen formulieren nicht nur, sie illustrieren ihre Texte zum besseren Verständnis mit Fotos und Zeichnungen. Ein Tool, das dies leistet und Expert*innen für Leichte Sprache überflüssig macht? Ganz sicher nicht.”

 

#3 Für perfekte Übersetzungen werden Humanübersetzer*innen benötigt

 

Sabine Ide

Sabine Idee: “Billige Übersetzungen können schnell teuer werden.”

Übersetzerin und Dolmetscherin Sabine Idee ist seit fast 30 Jahren im Beruf. Im Großraum Augsburg-München übersetzt die Sprachmittlerin in den Sprachrichtungen Französisch-Deutsch und Spanisch-Deutsch. Spezialisiert ist die Freiberuflerin auf Getränketechnologie und insbesondere Brautechnologie. Außerdem arbeitet sie in den Bereichen Ernährung und erneuerbare Technologien.

“Werden Übersetzer*innen demnächst überflüssig? Angesichts von all den netten, kostenlosen Diensten wie Google Translate, DeepL etc. scheint diese Frage durchaus berechtigt. Warum Geld und Zeit investieren, wenn die Lösung nur ein paar Mausklicks entfernt liegt? Warum sollten Sie ‘teure und langsame’ Übersetzer*innen beauftragen, wenn Sie Ihre Übersetzung doch auch kostenlos und sofort haben können?

Weil Maschinen nicht denken.

Heutige Online-Übersetzungsprogramme arbeiten mit gigantischen neuronalen Netzen, die mit riesigen Datensätzen trainiert werden. Mit Hilfe von Informationsvektoren erkennen und verknüpfen sie Muster in Sätzen und Texten und verheißen die Lösung all Ihrer Übersetzungsaufgaben. Und das funktioniert – je nach Textart und -schwierigkeit – zum Teil sogar ganz gut. Aber auch die beste Translation Maschine kann nicht denken. Sie arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten und hinterfragt diese nicht. Spätestens bei komplizierten Personenbezügen, kniffeligen Schachtelsätzen, spezifischer Fachterminologie oder mehrdeutigen Wörtern (Sie wird das Verkehrsschild umfahren: Ausweichmanöver oder Unfall?) stößt die künstliche Intelligenz an ihre Grenzen. Denn unsere Sprache ist mehr als nur eine Ansammlung von Datensätzen. Sie ist vielmehr ein erstaunlich komplexes und lebendiges Gebilde, das sich nie vollständig in Algorithmen packen lässt.

Menschliche Übersetzer*innen hingegen können einen Text in seiner Ganzheit erfassen, Fachtermini recherchieren, komplexe Satzgefüge aufdröseln, landes- oder firmenspezifische Besonderheiten berücksichtigen, Sprachebenen wahren, zwischen den Zeilen lesen, Styleguides beachten und im Zweifelsfall mit dem Autor Rücksprache halten. Darüber hinaus behandeln sie die ihnen anvertrauten Daten vertraulich. Bei Online-Übersetzungsdiensten ist der Datenschutz ein eher heikles Thema.

Möchten Sie also wirklich Ihre Website (das Aushängeschild Ihres Unternehmens!), die Betriebsanleitung Ihrer Hightech-Maschinen (Sicherheit!) oder Ihre Vertragsdokumente (Vertraulichkeit!) einem in Sachen Datenschutz problematischen System überlassen, das mit Wahrscheinlichkeiten arbeitet?

Vertrauen Sie Ihre Fachtexte lieber qualifizierten und erfahrenen Übersetzer*innen an. Ja, das kostet Geld und Zeit. Aber Sie bekommen dafür eine perfekte Übersetzung, denn wir

– recherchieren Fachbegriffe sorgfältig, damit Ihre übersetzten Fachtexte verständlich sind;

– setzen Vokabular konsistent ein, damit Ihre Corporate Language gewahrt bleibt;

– formulieren flüssig und logisch, damit Ihre Leser Ihre Texte gerne lesen;

– klären etwaige Fragen mit dem Autor, damit nichts der Wahrscheinlichkeit überlassen bleibt.

Künstliche Intelligenz übersetzt schneller und billiger, besser aber übersetzen Menschen (wobei ‘billig’ bei Fehlern auch schnell teuer werden kann…). Eine korrekte und stilsichere Textübersetzung erfordert also noch immer menschliche Übersetzer*innen – daran wird sich wohl in absehbarer Zukunft nichts ändern.

 

 

#4 Spezialisierung und Feingefühl garantieren Übersetzer*innen gute Zukunftsperspektiven

 

Laura-Ulrike Jahr

Laura-Ulrike Jahr: “Eine Übersetzung ist mehr als nur eine Übertragung von Inhalten.”

Laura-Ulrike Jahr ist seit 2016 als Übersetzerin in den Sprachrichtungen Englisch-Deutsch, Französisch-Deutsch und teils auch Deutsch-Englisch tätig. Sie ist vom Landgericht Hannover für Englisch-Deutsch ermächtigt und beeidigt. Ihre Spezialgebiete sind interkulturelle Thematiken, Literatur und Immobilienrecht.

“Als ich 2012 mit meinem Studium in Hildesheim begann, erzählte uns eine Dozentin, dass man seit über zehn Jahren sage, dass Künstliche Intelligenz innerhalb der nächsten zehn Jahre die Übersetzer*innen arbeitslos machen würde – also hätten wir noch locker zehn Jahre. Seit 2012 hat sich zwar im KI-Bereich vieles weiterentwickelt, dies ist aber auch nicht unbedingt ein Nachteil! Übersetzer*innen nutzen KI in ihrem Arbeitsalltag und sehen es eher als Bereicherung.

Einer der Top-10-Sätze, die vor allem Englischübersetzer*innen nicht hören möchten, ist sicherlich: ‘Ich könnte es ja selbst übersetzen, aber …’ Genau dieses aber ist der Knackpunkt! Aber sie wollen eben doch jemand Professionellen. Aber es ist ja schneller, wenn es jemand macht, der sich damit auskennt.

Deswegen ist die Spezialisierung eines unserer wichtigsten Werkzeuge, um unseren Beruf weiterhin am Leben zu erhalten. In vielen speziellen Bereichen ist einiges an Recherche nötig, vor allem bei Inhalten, deren Vokabular noch nicht (ausreichend) in Glossaren systematisch erfasst wurde, oder in Fällen, wo es keine exakte Entsprechung gibt.

Ein Beispiel aus meinem Arbeitsalltag sind bestätigte Übersetzungen (oft auch beglaubigte Übersetzungen genannt). Hier sitze ich manchmal länger an der Recherche und am Layout als an der eigentlichen Übersetzung. Allerdings lohnt sich der Aufwand besonders, wenn man vom Auftraggeber/der Auftraggeberin das Feedback erhält, dass er/sie zufrieden war und sich durch die fachkundige Beratung rund um die Übersetzung gut aufgehoben fühlte.

Aber nicht nur wenn es um Details und Genauigkeit geht, sind menschliche Übersetzer*innen noch immer die verlässlichere Wahl. Auch bei literarischen Texten beziehungsweise bei Texten, die ‘schön’ klingen sollen, bedarf es eines gewissen Feingefühls. Man muss sich in die Situation der Figur versetzen und immer wieder bedenken, wie diese Figur sich in ihrer aktuellen Gefühlslage ausdrücken würde. Es braucht Empathie, um hinter die Wörter schauen.

Im Zweifelsfall vertrauen die Kund*innen wohl jemandem, mit dem sie Rücksprache halten können und der ihnen Fragen beantworten kann.

Natürlich hat sich der Beruf des Übersetzers bzw. der Übersetzerin in den letzten Jahren verändert. Was jedoch vielen Auftrageber*innen vielleicht gar nicht bewusst ist: Eine Übersetzung ist mehr als nur eine Übertragung von Inhalten von der einen in die andere Sprache. Absprachen, Recherche und Beratung gehören zumeist selbstverständlich zu unseren Dienstleistungen dazu.”

 

#5 Nur Übersetzer*innen berücksichtigen den kulturellen Hintergrund der Adressat*innen

 

Cristiana Dondi

Cristiana Dondi: “Die Welt der Kultur braucht Übersetzer*innen.”

Die italienische Muttersprachlerin Cristiana Dondi ist als freiberufliche Konferenzdolmetscherin und Übersetzerin für Italienisch, Deutsch und Englisch tätig. Sie wohnt in Wien und Parma. Ihre Spezialgebiete sind museale Kommunikation, Sicherheitspolitik und Medizin (klinische Studien und Phytopharmazie).

“Überflüssig – so der Duden – ist wer oder was ‘überzählig oder unnötig [ist], sodass [er/sie/] es nicht gebraucht wird’. Ich kann mir nicht etwas Unpassenderes als dieses Wort vorstellen, um die Zukunft der Übersetzer*innen zu beschreiben.

Ich versuche, mir die Welt der Kultur, die mir so nahe liegt, ohne Übersetzungen vorzustellen. Wären alle Kunstwerke in einem Museum ohne verständliche Beschreibungen genauso eindrucksvoll für das große Publikum, das nicht aus dem Kulturkreis der Autor*innen stammt? Würde ein Teil ihrer Botschaft dadurch verlorengehen? Die Notwendigkeit der Übersetzungen in diesem Bereich wird in der ICOM-Definition vom Museum selbst verankert, nach der die Vermittlung des Erbes der Menschheit in der DNA solcher Einrichtungen liegt.

Wollen wir im Zeitalter von Algorithmen, die unsere Bedürfnisse mit der Analyse unseres Suchverlaufs vorhersagen, wirklich die  Chance verpassen, einem sehr heterogenen Publikum ein höchstpersönliches Kulturerlebnis anzubieten? Reicht eine reine Übersetzung der Inhalte, um ein solches Erlebnis zu gewährleisten? Ich möchte meine Meinung zum Thema anhand einer Überlegung erläutern, auf die ich im Rahmen einer spannenden Übersetzung von Ausstellungsmaterialien gekommen bin.

Wer zum Beispiel ist Philipp der Schöne? Google-Übersetzer würde diesen Namen als ‘Philipp il Bello’ (statt ‘Filippo il Bello’) ins Italienische übersetzen. Halbwegs okay, oder? Nicht so ganz. Wer sich fachlich auskennt, weiß sehr wohl, dass es zwei ‘Philipp der Schöne’ gibt: den französischen König Philipp IV. (1268-1314), der später auch Philipp I. König von Navarra wurde, und Philipp I. von Habsburg (1478-1506). Während das österreichische Publikum sofort an Philipp IV. denken würde, neigt das italienische Publikum dazu, vor allem den französischen König damit zu identifizieren, welcher auch mehrmals in der ‘Göttlichen Kömodie’ von Dante Alighieri (das wichtigste Werk im italienischen Literaturkanon) erwähnt wird. Doch komplizierter als ‘nur’ eine Übersetzung, oder? Fazit: Eine reine Transposition reicht bei kulturellen Inhalten nicht aus. Gefordert sind neben ausgezeichneten Sprach- und Fachkenntnissen auch und vor allem Kenntnisse zum kulturellen Hintergrund der Nutzer*innen. Und genau bei diesen sind wir (menschliche) Übersetzer*innen mit unserem Know-how und unseren technologischen Instrumenten definitiv nicht überflüssig.”

 

#6 Übersetzer*innen mit kleinen Sprachen werden weiterhin gebraucht

 

Philipp Diepmanns

Philipp Diepmans: “Digitalisierung ist für Übersetzer*innen Fluch und Segen.”

Philipp Diepmans wurde im Ruhrgebiet geboren und lebt in Flensburg. Der freiberufliche Übersetzer hat sich auf Urkunden, Webseiten und zuletzt Übersetzungen im Bereich Film & Fernsehen (Synchronisation) spezialisiert. Seine Arbeitssprachen sind Dänisch, Niederländisch, Norwegisch, Portugiesisch und Schwedisch.

“So wie sich die Arbeitswelt in vielen Berufen in den vergangenen Jahren rasant verändert hat, wandelt sich auch der Alltag von Übersetzer*innen in einem unglaublichen Tempo. Die Digitalisierung ist dabei Fluch und Segen zugleich. Onlinesuchen, CAT-Tools, Datenbanken etc. erleichtern unseren Arbeitsalltag, gleichzeitig erleben wir, dass nicht qualifizierte ‘Kolleg*innen’ auf den Markt drängen und Kund*innen häufig keine Übersetzungen mehr, sondern nur noch Revisionen in Auftrag geben.

Es gibt sicherlich Bereiche, in denen eine Automatisierung von Übersetzungsprozessen sinnvoll oder zumindest hilfreich ist. Immerhin liefert die neueste Generation von Machine Translation mitunter auch ganz brauchbare Ergebnisse. Allerdings werden wir in Bereichen wie der Literaturübersetzung, beim Marketing oder der Übersetzung hochfachspezifischer und komplexer Zusammenhänge auch in der Zukunft nicht auf das Wissen und die Kenntnisse ausgebildeter und langjährig erfahrener Übersetzer*innen verzichten können.

Wir dürfen diese Entwicklung nicht als Bedrohung ansehen, sondern vielmehr als Chance, uns auf dem Markt, gegenüber Auftraggeber*innen und Kund*innen und nicht zuletzt untereinander besser zu positionieren. Übersetzer*innen, die eine lange Ausbildung absolviert und über Berufserfahrung und sprachmittlerische Kompetenz verfügen, müssen endlich die Anerkennung erhalten, die sie verdienen.

Insbesondere bei sogenannten kleinen Sprachen werden sich Übersetzungsprogramme und Algorithmen zumindest auf kurze Sicht nicht durchsetzen können, ebensowenig bei Texten, die eine persönliche Note übermitteln. Zum Glück sind Eigenschaften wie Empathie, Humor und Kreativität menschliche Eigenschaften, die (noch) nicht von Algorithmen erlernt werden können.”

 

#7 Kreativen Texten werden nur Humanübersetzer*innen gerecht

 

Caroline Elias

Caroline Elias: “Kreativen Texten kann eine Maschine nicht gerecht werden.”

Die in Berlin lebende Freelancerin Caroline Elias ist Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache. Spezialisiert ist Caroline auf Drehbücher, Medien und Kultur. Die Freiberuflerin dolmetscht sowohl konsekutiv als auch simultan.

“Machen wir ein Gedankenexperiment: Lassen wir ein- und denselben Text von verschiedenen menschlichen Übersetzer*innen in verschiedene Sprachen übersetzen und aus diesen Landessprachen wieder zurück in eine Referenzsprache.

Wir werden sehr unterschiedliche Texte erhalten, da ihre fremdsprachigen Fassungen jeweils von der Kultur geprägt sind, und zwar von der Kultur einer bestimmten Person, der Übersetzerin/des Übersetzers einer bestimmten Generation. Sollte unser Vergleichstext aus der klassischen Literatur stammen, vergleichen wir auch noch verschiedene Fassungen unterschiedlicher Jahrzehnte und sehen auch hier das, was der Maschine komplett fremd ist, nämlich das Idiomatische, Begriffe, Redewendungen, Anspielungen, die ein Teil eines Geflechts sind, in dem sich eine kulturelle Gruppe wiederfindet, die sich durch ihr Alter, die geografische Lage, oft auch die soziale Herkunft, die gruppenspezifischen ‘Anspielungen’ und Referenzen definiert, die sich oft aus der Rezeption anderer Werke, Musik, Theater, Film, Literatur, Werbung, Populärkultur ergibt.

Kulturell determiniertes ‘Hinterland’ also, das die Zusammenhänge zu ändern scheint und zu leichten glissements de sens, zu Inhaltsverschiebungen, führen wird. Von allen diesen Dingen weiß die Maschine, dieses kalte Arbeitsgerät, nichts. Sie ist ein Instrument, ein Hightech-Skalpell in den Händen von Menschen. Sie erleichtert uns die Arbeit und manchmal erschwert sie uns die Arbeit auch, weil wir Gewohntes umlernen müssen.

Je kreativer ein Text ist, je kultureller, emotionaler, je stärker von der Körperlichkeit der Person gezeichnet, der oder die ihn verfasst hat, desto weniger kann eine Maschine dem gerecht werden. Je formalisierter ein Text ist, desto mehr eignet sich die Maschine als Hilfsmittel.”

 

Nein, Übersetzer*innen sterben nicht aus! Sie werden sich aber an den Markt anpassen müssen. Mehr Chancen, auch morgen noch gebraucht zu werden, haben außerdem Übersetzer*innen, die sich auf bestimmte Bereiche, Marktsegmente und/oder eher seltene Sprachen spezialisiert haben … Nicht vergessen werden sollte bei der Übersetzung von Websites, dass Machine Translation potenziell doppelten Content produziert, was sich selbst dann auf das Suchmaschinenranking negativ auswirkt, wenn die Übersetzung an sich korrekt und sogar idiomatisch sein sollte … Ein wichtiger Punkt, der bisher noch nicht erwähnt wurde. Maschinelle Übersetzung sollte also für Webseiten, Onlineshops, Blogs … immer tabu sein.

 

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Fotos: © Heike Kurtz, Andrea Halbritter, Sabine Ide, Laura-Ulrike Jahr, Cristiana Dondi, Philipp Diepmans, Caroline Elias

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